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Reise ins Donaudelta
von Thomas Morawski
Ein Stück Amazonas in Kroatien: Jede Bootsfahrt ist wie eine Safari am anderen Ende der Welt - aber wir sind mitten in Europa, in den Donau-Auen. Eine Reise in ein großartiges Naturparadies.
Die Reise der Donau entlang beginnt am Naturpark Kopacki Rit in Kroatien, Flusskilometer 1382. Hier mündet die Drau in die Donau, und hier liegt eines der letzten großen Überflutungsgebiete Europas. Solche Überschwemmungsflächen sind wichtig: Für Tiere und Pflanzen, weil jede Flut nahrhafte Sedimente liefert. Aber auch für die Menschen, weil sie so vor Hochwasser geschützt sind.
In den Altarmen bei Osijek in Kroatien sind letzte Urwaldbestände zu bewundern: riesige Bäume mit 40 Metern Höhe und 10 Metern Durchmesser. Anfang der 90er-Jahre war hier Krieg, bis heute besteht Minengefahr. Für die Natur ist das ein makabrer Schutz vor dem Menschen. Aber er funktioniert. "Kopacki Rit" ist einer der wichtigsten Rastplätze für Zugvögel von und nach Europa. Hier können sie Halt machen, sich auf ihrer langen Reise ausruhen. Manche bleiben auch ganz hier.
Die Donau-Reise führt weiter nach Rumänien, nach Enisala, Flusskilometer 70. Rumänien hat von allen 10 Anrainerländern den größten Anteil am Donau-Ufer. Am Ende kommt hier das Delta in Sicht, das Mündungsgebiet ins Schwarze Meer.
Das Donau-Delta besteht aus hunderten Seen, Altarmen, Kanälen und Flüssen, die eine Fläche von fast 4.300 Quadratkilometern durchziehen. Ein Raritätenkabinett der Artenvielfalt mit alleine 320 verschiedenen Brut- und Zugvögeln. Deshalb ist das Delta Biosphärenreservat und Weltnaturerbe der UNESCO. Marcel Iacovici ist Park-Ranger im Donau-Delta. Er kennt die Schätze dieses Paradieses, er kennt vor allem aber die Gefahren: In den 80er-Jahren ließ das Ceausescu-Regime ein Fünftel des Deltas zerstören, um Ackerland zu gewinnen. Heute schlägt sich Marcel Iacovici mit illegalen Bauvorhaben, Pestiziden aus der Landwirtschaft und Schwarzfischerei herum. Er ist froh darüber, dass die Kontrollen verbessert wurden, Baugenehmigungen und Fischereilizenzen viel restriktiver vergeben werden. Aber er weiß auch, dass man das noch verbessern muss.
Früher lebte halb Rumänien vom Fisch, jetzt sind die meist arbeitslosen Fischer froh, wenn sie eine neue Einkommensquelle haben. In Uzlina wurden Hotels mitten ins Delta hineingebaut. Die wachsende Neugier auf ein unvergessliches Naturerlebnis fördert aber Umweltprobleme. Eine Folge: Der Schwarzmarkt nach gefragten Arten wie dem Stör blüht. Die Ranger haben alle Hände voll zu tun - aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Für Marcel Iacovic liegt ein Hauptproblem darin, dass es zu wenig Personal gibt, um das riesige Gebiet zu überwachen und den expandierenden Tourismus unter Kontrolle zu halten.
Naturschutz braucht einen langen Atem und finanzielle Unterstützung - etwa durch nachhaltigen Öko-Tourismus. Umweltverbände wie der WWF engagieren sich in solchen Projekten, die mitgeholfen haben, dass bereits 10.000 Hektar des Donau-Deltas renaturiert werden konnten. Ein sichtbarer Erfolg: Im rumänischen Delta ist die Lebensader Europas inzwischen wieder so sauber, dass man aus ihr trinken kann.
Quelle: BR-online
Vom Gehen im Nichts (Moldawische Donau)
von Martin Leidenfrost (Die Presse)
Auf einer Länge von nur wenigen hundert Metern berührt die Donau den Staat Moldawien, das ärmste und vielleicht verrufenste Land Europas. Diese wenigen hundert Meter versuchte ich abzuschreiten. Mein Tag an der moldawischen Donau.
Mein Tagtraum von der moldawischen Donau begann damit, dass mich Theaterleute um ei- nen Donau-Essay baten. Muss nicht jeder an Mittel-Ost-Europa kiefelnde Autor mindestens einen Donau-Essay vorgelegt haben, fragte ich mich und sagte zu. An den Theaterleuten gefiel mir ihr Sinn für Gerechtigkeit. Sie hatten nicht nur die bekannten Donaustaaten in ihr Projekt „Donaudrama" aufgenommen, sondern auch das ärmste und vielleicht verrufenste Land Europas, das die Donau an seiner winzigen Südspitze auf wenigen hundert Metern berührt. Ich sagte den Theaterleuten, dass ich für das angebotene Honorar nicht in alle Donaustaaten fahren würde, an die moldawische Donau aber um jeden Preis.
Am Anfang dachte ich, es gehört sich, der Essay-Leserschaft einen persönlichen Donaubezug darzulegen. Immerhin war ich nur zwölf Kilometer von der Donau aufgewachsen. Beim Erinnern kam mir vor, dass unsere niederösterreichische Donau nichts für mich bedeutet hatte. So wäre es mir nie in den Sinn gekommen, der Donau zuliebe an die Donau zu fahren und in die Donau zu schauen. Mir kam auch vor, dass meine ganze Familie den Fluss äußerst selten frequentierte. Vielleicht lag das daran, dass sich zwi schen die Donau und uns die „Strengberge" schoben, keineswegs ein Gebirge, bloß ein lang gezogener Hügelrücken von abweisender himmelausgesetzter Strenge. Vielleicht lag es am Widerwillen in Mamas Stimme, wenn sie sagte: „Da müssen wir über die Staumauer." Die Staumauer war schmal, Mama konnte nicht schwimmen.
Als ich über die Bedeutung des Schicksalsstroms für meine Familie sinnierte, fielen mir die möglicherweise unzureichend verzollten Zigaretten ein, die mein Bruder über zwischengeschaltete Versorger von serbischen Schiffen bezog, oder der unverhohlene Respekt, mit dem Opa von den „tschechischen Wildsauen" erzählte, die sich durch das karge Hochland des Waldviertels schlugen, um durch die Donau zu schwimmen und Schweinereien auf den Feldern unseres fruchtbaren Südufers anzurichten.
Mir fiel noch ein, dass wir der Donau im Dialekt ganz unbewusst eine richtungsweisende Rolle zugestanden. Die Redensart, dass wir „nach Linz hinauf" und „nach Wien hinunter" fuhren, entsprach genau der Fließrichtung. Es entbehrte auch nicht einer gewissen visuellen Logik, dass sich das weite Deutschland „draußen" befand und das enge Alpenland „drinnen". Ich erinnerte mich an die amüsierte Verwunderung, mit der Papa bei Waldviertler Freunden nachfragte, warum sie denn in ihrem Dialekt, wenn sie den Weg der tschechischen Wildsauen über die Donau nahmen, „nach Amstetten dauni" fuhren. Das unübersetzbare Wörtchen „dauni" bezeichnet eine seitliche Ausscherbewegung. Papa fragte immer wieder nach. Die Waldviertler hatten keine Antwort. Und das war schon alles. Mehr hatte ich nicht aufzubieten.
Ich rechnete mir aus, dass ich 35 meiner 37 Lebensjahre nicht weiter als 15 Kilometer von der Donau verbracht habe. Mit meinem gegenwärtigen Wohnort Devínska Nová Ves bin ich auf vier Kilometer an sie herangerückt. Ich rechnete mir vor, dass ich schon ein Dutzend an der Donau handelnde Ge schichten geschrieben und weitere ungeschrie bene erlebt habe. Das 150 Millionen Kubikmeter schwere Weltwunder der umgeleiteten Donau vor Gabcikovo oder das Froschschenkel-Dinner bei den Raskolniki im „ukrainischen Venedig" Vilkovo oder der schwärmerisch veranlagte serbische Koch, der Tag für Tag am Wiener „Entlastungsgerinne" baden ging und jedem seinen Ausweis zeigte, der nicht glaubte, dass er Slobodan Milosevic hieß. Solches unzusammenhängende Zeug, in großer Stückzahl. - Ratlosigkeit befiel mich. Die Donau durchfließt und berührt zehn Staaten, für die Abermillionen Anrainer ist das wahrscheinlich nichts Besonderes. War ich schon auf die Essenz gestoßen? Würde mein Donau-Essay von allem Möglichen handeln? Oder - anders gesagt - von nichts? Ich las die Szenen des „Donaudramas". Auf Einladung der „Wiener Wortstätten" hatte jeweils ein Dramatiker aus jedem Donauland eine Szene geschrieben, das ganze Drama wird auf dem internationalen Theaterfestival im slowakischen Nitra aufgeführt.
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In Rumänien finden Reisende in Nationalparken und Biosphärenreservaten Wildnis und urwüchsige Natur mit Pflanzen und Tieren, die in Westeuropa längst der Zivilisation Platz machen mussten. Verträglich Reisen besucht Eisvögel, Pelikane, Wölfe und Bären. Das Donaudelta im Osten Europas ist Unesco-Welterbe und ein Biosphärenreservat von internationaler Bedeutung. Auf Kanutouren und Wanderungen können Besucher eine außergewöhnlich vielfältige Natur erleben.
Wo der Fuß auf den federnden Waldboden tritt, springt und hüpft es. Kleine, laubgrüne Frösche, kaum größer als ein Daumennagel, treten die Flucht an. Leere, tarnfarbene Schneckenhäuser zerknacken unter den Sohlen. Pappelgrün raschelt und am Ufer fliegen große Vögel kreischend auf. Zwischen meterhohem Schilf, knorrigen Weiden und Lianen wundern sich blassbraune Kühe über die Ausflügler, die vom Boot aus ein paar Schritte an Land gegangen sind. Wir betreten eine sich weitgehend selbst überlassene Natur.
Hier am östlichen Rand Europas hat die Donau ein weltweit einzigartiges, über 4000 Quadratkilometer großes Delta mit den größten geschlossenen Schilfflächen der Erde geschaffen. Ab der rumänischen Hafenstadt Tulcea teilt sich der Fluss in drei Hauptarme und durchzieht mit unzähligen Wasseradern und Kanälen das Delta bis zur Mündung ins Schwarze Meer. Das riesige Feuchtgebiet ist seit 1990 Unesco-Biosphärenreservat. Es bietet geschützten Lebensraum für eine Vielfalt an Pflanzen und Tieren, die nur noch von den Galapagos-Inseln oder dem Great Barrier Riff in Australien übertroffen wird. Autos kommen hier nicht weit, das einzig brauchbare Verkehrsmittel ist das Schiff.
Tiberiu Tioc kennt sich aus im Dschungel der Kanäle. Der 31-jährige Ornithologe kam nach seinem Biologie- und Tourismusstudium als Reiseleiter ins Donaudelta. Heute führt der gebürtige Siebenbürger mit eigener Firma Vogelkundler und naturinteressierte Laien durchs Delta. "Wir finden hier 320 Vogelarten. Sechs Vogelzugrouten kreuzen sich über diesem wilden Paradies, wo die Tiere immer einen reich gedeckten Tisch finden", sagt der junge Mann. Tibi, wie sie ihn hier nennen, spricht sehr gut Deutsch und erkennt alles Gefieder sofort: "Dort sitzt ein Rallenreiher", sagt er und zeigt vom Boot aus auf den gut getarnten Vogel im Geäst, "und dort drüben seht ihr einen Eisvogel." Dessen blaues Federkleid fällt schon etwas mehr auf. Nur langsam stellen sich die Sinne scharf für das, was die Natur an Reizen bietet. Ferngläser kreisen, Kameras klicken. Tibis Blick geht zum Himmel: Ein Schwarm rosa Pelikane fliegt in Formation über uns hinweg. Ohne seinen sachkundigen Blick wäre auch das Seeadlerpaar unerkannt vorbeigezogen.
Menschen leben im Donaudelta nur wenige, etwa 15000, so schätzt man. Es sind Vertriebene, ehemalige Staatsfeinde und Deserteure, die im Delta Zuflucht fanden. Sie stammen aus Russland, der Ukraine, auch Griechen, Tartaren, Türken, Ungarn und ein paar Deutsche sind darunter. In diesem Wasserland waren sie sicher – abgelegen wohnen sie noch heute...
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Unterwegs auf der Donau
von Manfred Weiher
Wir, meine Frau und ich, können es nicht lassen. Ein Jahr ohne eine Flusskreuzfahrt ist ein "verlorenes" Jahr. Auch in diesem Jahr zog es uns wieder auf einen Fluss. Es war, wenn auch ein Wiederholungsfall, die Donau. Es sollte - wieder einmal - von Passau nach Budapest und zurück gehen.
Die Anreise war schon etwas Besonderes. Nicht die Busfahrt an sich, aber der Start. Um 3.40 Uhr - also in der Frühe - wurden wir mit einem Taxi abgeholt und zum Bus-Sammelplatz gebracht. Dort wurde unser Gepäck im großen Schlund des Busses verstaut - und dann ging die Reise los: Quer durch Deutschland nach Passau, wo wir gegen 16 Uhr am Schiff ankamen. Um unser Gepäck brauchten wir uns nicht zu kümmern. Wir mussten lediglich unsere Koffer in der Kabine auspacken, und dann konnten wir das Schiff erkunden - einschließlich Platz im Speisesaal. Dieser Aufenthaltsraum verlangte einem unheimlich viel Disziplin ab. Schließlich gab es jeden Tag allein in diesem Raum vier Mahlzeiten. Angefangen beim reichhaltigen Frühstücksbuffet über das reichliche Menü mit Salatbar vorweg, dann Suppe, anschließend Hauptgang mit Fleisch oder Fisch, danach Dessert und so man wollte, konnte man sich noch am Obstteller bedienen. Zum Abend gab es dann die gleiche Prozedur. Und damit man nicht vom Fleische fiel, gab es einen Frühaufsteher-Imbiss, nachmittags Kaffee und Kuchen und einen Mitternachts-Snack.
Uns genügten die drei Hauptmahlzeiten in reduzierter Form. Aber das war eigentlich nur schmückendes Beiwerk. Das Wesentliche waren der Aufenthalt auf dem Sonnendeck und die Landausflüge. So in einem Deckstuhl zu liegen und eine wunderschöne Landschaft an sich vorüberziehen zu lassen mit ihren teilweisen monumentalen Bauwerken, wie zum Beispiel dem Dom zu Esztergom, hat für uns immer noch den alten Reiz, ist für Körper und Seele Erholung pur.
Und auch die Ausflüge waren nicht langweilig. Es wurden nicht nur Erinnerungen aufgefrischt, sondern auch neue Eindrücke und Informationen aufgenommen, ob es nun die Wachau war, die Fahrt zum Donau-Knie oder die Stadtrundfahrten und -gänge in Spitz, Budapest, Bratislava, Wien und im Stift Melk: Immer konnte man wieder Neues erfahren. Auffällig für uns war, dass alle Stadtführer in den Städten des ehemaligen Ostblocks von der Wende sprachen. Und alle erzählten - fast wörtlich - wie sich nach der Wende bestimmte Personengruppen an den einst zu Gunsten des Staates enteigneten Gebäuden nun bereichert hatten.
Das einzig Unangenehme an diesen Stadtrundgängen waren die Temperaturen, die zwischen 26 und 32 Grad lagen. Da waren dann alle froh, wenn es eine Kirche zu besichtigen gab. Und wenn uns dann noch - völlig außerhalb des Programms - im Wiener Stephansdom eine Probe für die am Abend stattfindende Aufführung von Mozarts Krönungsmesse geboten wurde, waren alle Hitzeprobleme vergessen.