|
Danube Tourist Commission | 2005 - Landscape with passion 2004 - Wie die Donau tönt | 2003 - Mythen, Märchen und Menschen | 2002 - Die Donau und Europa 2001 - Brücken-Wege-Stege | 2000 - Klösterglanz, Glockenklang und Glaubensströme "Mythen, Märchen und Menschen" - die Donau und ihre Sagen und Legenden
von Ernst Trost März 2003
Die Donau ist ein Mann, bärtig, muskelbepackt, ein Prachtexemplar im Herzen von - Rom, auf der Piazza Navona. Am barocken Vierströme-Brunnen aus der Werkstatt Giovanni Lorenzo Berninis vertritt der mächtige Danubius Europa, neben dem afrikanischen Nil, dem amerikanischen La Plata und dem asiatischen Ganges. Einen ähnlichen Rauschebart finden wir auf der Piazza Colonna, auf der Mark-Aurel-Säule. Der Flussgott Danubius wird höchst persönlich bemüht, aus den Fluten den Übergang des Kaisers über den Strom zu begutachten. Und im Hintergrund liegt der Hafen von Carnuntum, und auf der nächsten Tafel des Reliefbandes marschieren die Legionäre des Imperators über die Pontonbrücke ins Markomannenland.
Weil die Römer, Griechen, aber auch die Kelten überall in der Natur das Walten übernatürlicher Wesen und Kräfte sahen, erdachten sie sich in ihrer Mythenwelt auch die entsprechenden Flussgötter. Danubius kommt vermutlich von dem keltischen Danuvius. Vor dem Vordringen der römischen Heere in unsere Breiten war im Olymp für die Donau der griechische Istros zuständig, und Istros oder Ister nannten die Griechen den Strom. In der Theogonie, der ersten großen Götterlehre des Hesiod, etwa 700 vor Christus, ist der "schönfließende" Istros der Sohn des Okeanos, des Vaters der Meere und allen fließenden Wassers und der für Wellen und Wogen zuständigen Titanin Tethys.
Als Istros hat die Donau einen festen Platz in den griechischen Heldenepen. Der große unbekannte Strom, der in fernen Nebelreichen entsprang, entlockte der Phantasie der Mythenerzähler immer neue Fabeln. Für die moderne Geographie wurde es zu einem beliebten Puzzlespiel, die realen Hintergründe dieser Geschichten zu erforschen. So flüchtet sich in der Argonautensage Jason, nachdem er den kaukasischen Kolchern das Goldene Vlies entführt hat, mit seinen Gefährten vom Schwarzen Meer in die Dschungel des Donaudeltas. Bei Appolonios von Rhodos (295-215 v.Chr.), dem Verfasser der "Argonautika", liest sich das so:
"Denn vom Istros umgrenzt ist ein Eiland, Peuke genannt,
Mit drei Enden; die Breite gekehrt zum Ufer des Meeres,
Aber die schmälere Spitze dem Strom zu, doppeltgespalten
Strömt die Mündung von da: Narex heißt die eine -
Aber der andere Arm ist entfernter, man nennt ihn Kalon..."
Dieser letzte Vers ist die früheste Kunde vom Chilia-Arm. Für die Griechen war das Delta die Insel Peuke, die zwischen dem Kalon- und dem Narex, dem heutigen Sankt-Georgs-Arm, lag. Der mittlere Sulina-Arm war ihnen unbekannt. Jason fuhr mit seinem Schiff "Argos" in den Sankt-Georgs-Arm ein und entkam so den Kolchern, die ihn durch die Chilia-Arm verfolgten.
Dass Jason, der Ahnherr der Donauschiffer, stromaufwärts bis zur "schattenverhüllten Quelle" des Istros, also bis in den Schwarzwald gelangt sein soll, ist für die Wissenschaft ausgeschlossen. Aber auch hier hat der Mythos eine reale Grundlage: Jason könnte bei Belgrad die breite Save für den Hauptstrom gehalten haben und so sei er bis zum heute längst verkarsteten einstigen Berg- und Sumpfland bei Laibach (Ljubljana) vorgedrungen. In der Vorzeit war dieses Gebiet von einem ansehnlichen Binnensee bedeckt, dessen Abfluß, der Laibach, in die Save mündet. Dort hatten die Argonauten ihre Istros-Quelle entdeckt. Als die Ruderfahrt zu Ende war, nahmen sie die "Argos" auf die Schultern und trugen sie zwölf Tage "über des Landes wüsten Rücken" und erreichten so endlich wieder Meer - die Adria. Damit ließe sich auch der Name Istrien erklären, obwohl dieses Küstenland nirgends vom Ister, von der Donau, benetzt wird.
So abenteuerlich können Mythen sein, wenn man aus der Phantasie die Wirklichkeit herauszufiltern versucht. Denn all die Legenden und Sagen projizieren konkrete Vorstellungen, Wünsche, Ängste und Träume der Menschen in eine dichterische Form. Sie beantworten die Fragen nach den Rätseln der Welt und ihrer unmittelbaren Umwelt, nach dem Gang und den Gesetzen der Natur, nach der Ursache für Seuchen und Katastrophen mit erfundenen Geschichten, Gedichten und Gesängen, und die Gewalten, die sie umgeben, personifizieren und vermenschlichen sie so. Auf diese Weise entstand ein ganzer Kosmos von Mythen, Märchen und Legenden. Und der umfasst ebenso die Donau, und all das, was sie bewirkt und was mit ihr zu tun hat. Daher wird es auch bei einer Donaureise zu einem vergnüglichen und spannenden Zeitvertreib, sich mit diesem reichen Schatz der Überlieferung zu beschäftigen und in den Geschichten die Geschichte zu entdecken und hinter der Dichtung die Wahrheit aufzuspüren.
Je breiter die Donau wird, desto gewaltiger und mächtiger ist sie. Der Strom zieht die Menschen an, fasziniert sie, bestimmt oft Dasein und Existenz der Uferbewohner, bringt ihnen Nutzen, aber auch Verheerungen, wenn sie aus ihrem Bett tritt, und in manchen Fällen gar den Tod. Und Ehrfurcht, Bewunderung und Freude an der Schönheit des ständig fließenden Wassers mischen sich mit Furcht und Bangen. Der Strom führt ein Eigenleben und darum verliehen und verleihen ihm die Bewohner seiner Gestade gerne menschliche Gestalt, als Mann oder als Frau. Manchmal erfährt so ein Wasser sogar eine Geschlechtsumwandlung. So wurde nach dem Ersten Weltkrieg auf Anregung des italiensichen Dichters Gabriele D'Annunzio die Piave zu dem Piave. Weil an dem Fluss im Veneto 1918 die letzte österreichisch-ungarische Offensive gescheitert war, fand der schwärmerische Poet, dass diese durch den Krieg mythisierte Heldengewässer nur männlich sein dürfte. Und seitdem sagt man korrekt "der Piave".
Die Donau hat heutzutage für uns allein schon von der Sprache her eher weibliche Tribute. Dabei entdecken wir den römischen Danubius auch noch in Wien, gegenüber der Staatsoper an der Albertina. Da steht er als Hauptfigur des 1869 von Johann Meixner geschaffenen Danubius-Brunnen, und in den Nischen an seiner Seite wachen weiße Damen aus Carrara-Marmor, die Save und die Theiß. Ebenfalls Donaunebenflüssen in Form allegorischer Bleigussfiguren finden wir hingeräkelt am Brunnenrand des Barockkleinods Raphael Donners am Neuen Markt: Die Ybbs als jugendliche Quellennymphe, die March als reife Frau, die Traun dagegen als einen fischenden Jüngling und die Enns als greisen Fährmann. Die imposante Göttin, die den Brunnen krönt, ist allerdings nicht die Donau, sondern Providentia, die Für- oder Vorsorge. Die Donau treffen wir endlich am Austria-Brunnen auf der Freyung an. 1844-1846 schuf der Münchener Bildhauer Ludwig Schwanthaler diesen patriotischen Wasserspeier, der die Größe und Weite der damaligen Monarchie spiegeln sollte - unter anderem durch die Statuen von Po, Elbe, Weichsel und eben der Donau. Dazu ein amüsanter Alltagsmythos: In den aus München gelieferten Figuren sollten geschmuggelte Zigarren versteckt gewesen sein, und die Schmuggler fanden keine Gelegenheit mehr, sie sich zu holen. Bei der Restaurierung 1985 fand sich jedoch in keiner der Skulpturen der verborgener Schatz.
Auf die Spur einer klassischen Donausage kommen wir gleich in der Nachbarschaft im sogenannten Basarhof des Ferstl-Palais: Da steht nämlich das Donauweibchen. Aus dem Becken des von Anton Dominik Fernkorn entworfenen Brunnen tauchen Nixen auf, um Fischer zu verführen. Und über ihnen steht wohl die Nixenkönigin, die als Donauweibchen in unzähligen Erzählungen die Uferanrainer vor Hochwasser warnt, aber sie auch gefährlich umgarnt und so manchen hübschen Burschen auf Nimmerwiedersehen in die Tiefen des Stromes gelockt hat.
Wesentlich harmloser begegnen wir der Donau im Park des Fürstenberg-Schlosses in Donaueschingen nahe der offiziellen Quelle. Beim Zusammenfluss von Brigach und Breg, die verstärkt durch einige andere Zuflüsse die Donau zuweg' bringen, hält eine Sandsteinheroine unter Linden ein Kind auf den Knien: "Die junge Donau als Kind im Schoße der Baar". Die Dame stellt also die Baar da, das liebliche Schwarzwald-Hochland, aus dem das Flüsschen, das noch soviel vor sich hat, das Wasser bezieht.
Und in Donaueschingen, in der Fürstlich Fürstenbergischen Hofbibliothek, ganz nahe der Quelle, wurde bis zum Millennium einer der kostbarsten Donau-Schätze aufbewahrt - die älteste erhaltende Handschrift des Nibelungenliedes. Den zweiten Teil der größten Dichtung des deutschen Mittelalters kann man als Donau-Mythos par excellence bezeichnen, ein Versroman des Donauraums, geschrieben zwischen 1200 und 1220, der erste poetische Donaubaedeker, denn der Strom hat die Fahrten Krimhilds und der burgundischen Recken bestimmt, und der unbekannte Verfasser war wohl in Passau oder im Österreichischen an der Donau zu Hause.
Der Codex wurde 1755 auf Schloss Hohenems in Vorarlberg entdeckt, 1815 in Wien von Joseph Freiherr von Lassberg erworben. Aus seinem Nachlass gelangte die Handschrift 1853 in die Donaueschinger Bibliothek 1999 warfen die Fürstenbergs ihre Bücherschätze auf den Antiquariatsmarkt. Das Land Baden-Württemberg verhinderte einen Verkauf ins Ausland, konnte einen Großteil der Bestände erwerben, und 2001 auch die sündteure Hohenems-Laßbergsche Handschrift. Sie befindet sich nun in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe.
Der unbekannte Dichter schildert in einer geschickten Mischung von Legenden, Sagen, mythischen Deutungen, historischem Bericht und realistischer geographischer Beschreibung die Abenteuer der Burgunderhelden und Krimhilds Exil bei Hunnenkönig Etzel nach der Ermordung Siegfrieds, ihres Gemahls. Die Witwe wird Etzels Frau, lädt ihre Brüder Gunther und Giselher samt Siegfrieds Mörder, den grimmigen Hagen von Tronje und deren burgundisches Gefolge auf die Etzelburg ein, um dort in einer hunnischen Blutorgie ihre Rachegelüste zu befriedigen. Die geschichtliche Parallele dazu ist der Tod König Gunthers um 436/436 im Kampf gegen ein gerade in römischen Diensten stehendes Hunnenheer. Zur Donausaga wird das Nibelungenleid vor allem durch seine lebendigen Reisebeschreibungen.
"Ze Misenburg der richen - da schifften sie sich an, daz wazzer wart verdecket - von ros und ouch von man."
Wie Krimhild im ungarischen Wieselburg zur Donaupassagierin wurde, liest sich in der modernen Prosaübersetzung folgendermaßen: "In der mächtigen Stadt Meisenburg bestiegen sie die Schiffe. Als ob es Land wäre, war das Wasser, soweit man nur blicken konnte, völlig mit Pferden und Leuten bedeckt. Die von dem Fahren müden Damen fanden jetzt etwas Ruhe und Bequemlichkeit. Viele tüchtige Schiffe waren miteinander vertäut worden, so dass ihnen die Flut nichts anhaben konnten .Viele treffliche Zelte waren über die Schiffe gespannt, als ob die Resienden noch festes Land und Feld unter den Füßen hätten."
Das liest sich wie eine Werbeschrift für eine Donaukreuzfahrt. Der Autor hat die Bequemlichkeiten dieser Reiseform sicher selbst erfahren, sonst würde er nicht so genüsslich von dem Leben auf den Schiffen ,die Zelten und Häusern gleichen, berichten. Die Geschichte spielt zur Zeit des Hunnenkönigs Attila, also um die Mitte des 5.Jahrhunderts, der Dichter preist jedoch den Donauverkehr um 1200 an. Daher ist das Epos ein typisches Beispiel dafür wie uraltes Sagengut und zum Teil mündlich überlieferte Heldenlieder von einem genialen Dichter mit historischen Tatsachen und realen Landschaftskulissen verwoben wird - der Mythos als Geschichtsquelle, wobei die Wissenschafter auch einige detektivische Fähigkeiten benötigen.
Während der Verfasser die Route der Nibelungen vom Rhein bis nach Passau nur mit vagen Andeutungen beschreibt, wird er von dieser Stadt an so konkret, dass sich seine Verse als Donaureiseführer verwenden lassen. Passau ist der Ort, "wo noch ein Kloster steht und wo sich der Inn mit großem Schäumen in die Donau ergießt". Dort residiert Bischof Pilgram. Er wird im Lied immer wieder hervorgehoben und steht, obwohl eine historische Gestalt aus der Zeit der Ungarneinfälle, wahrscheinlich für den zeitgenössischen Bischof Wolfger. Aus seiner Umgebung könnte der unbekannte Dichter stammen. Und der beweist in vielen Versen wie gut er die Donaulande kennt.
Bis heute schlagen die Einwohner verschiedener Städtchen und Dörfer längs der Donau daraus Kapital. Da schlängeln sich "Nibelungenstraßen", "Nibelungenhöfe" erwarten Feriengäste und "Nibelungenwirte" zieren ihre Menüs mit "Nibelungenplatten" mit "Sauce à la Tronje" und "Krimhildensoufflé". Zur Verdauung wird ein scharfer Etzel-Schnaps empfohlen mit anschließendem Nibelungenspiel im Schlosshof. Der Mythos verkauft sich eben gut.
Und der Namen sind viele, die der Dichter nennt: Als Krimhild noch hoch zu Ross unterwegs war, gelangte sie nach Efferding, überschritt die Traun und ließ in der Ebene vor Enns die Zelte aufschlagen, an der Grenze der Mark des Pöchlarner Grafen Rüdiger (übrigens, die Enns bildet in der Sagenwelt der Ungarn die Trennlinie, an der der Westen beginnt). Krimhild rastete in Rüdigers Schloss, wurde in Melk mit Wein in goldenen Gefäßen begrüßt, kam nach Mautern und bewunderte an der Traisen die mächtige Burg des Hunnenkönigs, Traismauer. Und dann erschienen die Reiter Etzels, um die Braut heimzuholen. Der König wartete in Tulln: "Ein stat bi Tuonouwe lit in Osterlant, diu ist geheizen Tulne" - eine Stadt liegt in Österreich an der Donau, die heißt Tulln. In Wien wurde Hochzeit gehalten, Hainburg ist noch erwähnt; und schließlich hoben sich die Anker zur Schiffsreise nach Ungarn.. Das Ziel war Etzels Palast in Gran (Esztergom), hoch über der Donau.
Die Wiener Hochzeitsfeierlichkeiten schilderte der Nibelungensänger, als ob er dabei gewesen wäre: Das Fest dauerte siebzehn Tage. Ich glaube, man kann von keinem anderen König sagen, dass sein Fest größer gewesen wäre .Alle die auf dem Fest zugegen waren, trugen nachher ganz neue Kleider. Auch verschenkte niemals irgend jemand auf seinem Fest so viele kostbare lange und weite Mäntel, noch so treffliche Kleider." Viel spricht dafür, dass als Modell für die Krimhild-Etzel-Trauung die Hochzeit des Babenbergerherzogs Leopold VI. mit der byzantinischen Prinzessin Theodora diente. Das Paar wurde vom Passauer Bischof Wolfger vermählt, und der Dichter dürfte sich in seinem Gefolge befunden haben.
In dem grandiosen Blut-und- Tränen-Finale dieser Völkertragödie von homerischen Dimensionen tritt uns Etzel nicht als Gottesgeißel gegenüber, sondern als hehrer Held. Diesen Ruf hatte Attila bei den Germanenstämmen ,die sich mit ihm gegen Ost- Und Weströmer verbündeten: "Etzels Herrschaft war so weithin berühmt, dass man zu jeder Zeit an seinem Hofe die tapfersten Helden traf, von denen unter Christen oder Heiden je berichtet wurde", heißt es im Lied. Und in den Heerbann Etzels, der Krimhild heimholte, "ritten viele Gefolgsleute aus Russland und aus Griechenland. Die Polen und die Walachen sah man auf edlen Pferden schnell und kräftig vorbeigaloppieren. Viele Helden aus dem Kiewer Lande ritten da und die wilden Petschenaren." Und Recken wie Rüdiger von Pöchlarn und Dietrich von Bern schwangen ihr Schwert für den Hunnenherrscher. Eine deutsche Rittergarde stand aber auch bei den ungarischen Königen in Sold und ihr Quartier war auf der Felsenburg von Gran. Und hier hat der Dichter das grauenvolle Ende der Burgunder inszeniert. Attilas legendärer Palast ist jedoch irgendwo im Tiefland zwischen Donau und Theiß zu suchen. Weil er aus Holz war, konnte bis heute nicht die geringste Spur davon gefunden werden.
Aus dem Donau-Prospekt, der Hochzeitschronik mit Lautenklang und Spielmannsjubel, höfischer Minne und aufrechter Gefolgschaftstreue wird jedoch plötzlich der Grabgesang eines ganzen Volkes, die Beschreibung eines Massenmordens, das auch für die Menschen um 1200 greifbar und etwas Wiederholbares war, ein Verhängnis, das einen selber treffen hätte können. "Daz ist der Nibelunge not." Damit endet der wortgewaltige Gesang vom Aufeinandertreffen der Ritter vom Rhein mit den Reitern aus der Steppe. Geschehen ist's an der Donau. Und 42 Jahre später donnerten die Hufe der Steppenreiter wieder über die Puszta, wie aus dem Nichts, auf einem fernen Fabelreich kam das Mongolenheer über Europa und brachte Tod und Verderben und schreckliche Not.
Im Nibelungenlied baut der Mythos auf weltgeschichtliches Geschehen im Donauraum. Aber jedes Land und jede Stadt und jedes Dorf am Strom bewahrt seine eigene Überlieferung und gießt mehr oder weniger bedeutende Ereignisse in die Form lokaler Sagen. Die bizarren Formen der Ufermauern im Weltenburger Donaudurchbruch wurden von der Phantasie der Menschen belebt, da erkennt man plötzlich in den Felsen den bayerischen Löwen, eine steinerne Lutherkanzel, ein küssendes Brüderpaar, einen Bischofskopf. Und der Mühlhiasel, der unheimliche Seher aus dem Bayerischen Wald prophezeite den Menschen zwischen Böhmen und der Donau um 1800 kommende Kriege und Seuchen und Tod, "wenn die Bauersleut die Hennen- und Gänse selber fressen und die eiserne Straß über die Donau herüberkommt, wenn d'Leut in der Luft fliegen können, wenn die Wägen ohne Roß und Deichsel fahren, wenn der Hochwald ausschaut wie dem Bettelmann sein Rock, wenn man Sommer und Winter nicht mehr auseinander kennt, dann ist's nimmer weit hin."
Das passt gut zu der Gesellschaft von Geistern und anderem Spuk in den diversen Burgen über der Donau und zu den Geschichten von wundersamer Rettung aus den reissenden Fluten des Greiner Strudels oder aus der Türkennot. Auf der donauländischen Märchenbühne treten schwimmtüchtige Wassergeister auf, Raubritter, die den Strom mit Ketten sperren, und gewöhnliche Räuber ohne Adelstitel. Und bei Pressburg kommen die Räuber aus den Kleinen Karpaten und man erzählt sich noch, wie aus der Donau Gold gewaschen wurde.
Ungarns Nationaldichter Sandor Petöfi besang die Tiefebene, "die, vom Arm der Donau und der Theiß umschmiegt, wie der holde Säugling lächelnd in den Armen seiner Mutter liegt. In seinen Versen stampfen Rinderherden, sprengen Pusstahirten auf schnellen Pferden über die Steppe und "fern am Horizont schwebt die Fee..." Er meint damit die Fatahmorgana, wie man sie in der Puszta erleben kann.
Die Bewohner des flachen Landes identifizierten die Naturerscheinungen mit der Fürstentochter Délibáb, die aus Liebeskummer sterben musste und nun als weinendes Spiegelbild über die Ebene geistert und Wanderern gespenstische Landschaften vorgaukelt.
Viele Stromkilometer weiter südöstlich, am Eingang zu Kazanenge, werden wir mit einer weiteren Frauentragödie konfrontiert. Wie ein Warnzeichen ragt zu Beginn der Stromschnellen der Babakajifelsen aus dem Wasser. Allein der Klang des Wortes versetzt einen in den Orient. Babakaji, eine türkische Donau-Loreley, wurde von ihrem Mann, dem für die Sicherung der Katarakte zuständigen Pascha auf dem Felsen ausgesetzt, weil sie mit einem ungarischen Kriegsmann ein Verhältnis hatte. Über das Ende der Liebesaffäre ist die Fama geteilter Meinung: Entweder hat sich Babakaji klagend zu Tode gesungen oder sie wurde von ihrem strahlenden Ritter erlöst.
Je weiter die Donau in Richtung Schwarzen Meer vordringt, desto mystischer wird sie in ihrer unendlichen Weite, im trägen Fluss und schließlich im Dschungel des Deltas. Da unten ist ihr noch ein Dichter erwachsen, Panait Istrati, 1884 - 1935) aus Braila, der Sohn eines griechischen Schmugglers und einer rumänischen Bauerntochter. Wie ein arabischer Märchenerzähler schrieb er die Geschichte von der schönen Kyra Kyralina und vom Bauernaufstand 1907, bei dem ganze Dörfer im Baragan, der rumänischen Donautiefebene, von der Artillerie zusammengeschossen wurden.
Geschichten über Geschichten, traurige und freudige, die Donau selber spinnt ihre Epen, trägt sie dem Meer zu und lädt uns ein zur Reise ins grenzenlose Reich der Imagination, der unbegrenzten Einbildungskraft der Völker und Menschen.
ERNST TROST, geboren 1933 in Graz ist einer der besten Kenner der Donau, wie er in vielen Büchern, Reportagen und Kolumnen -in der Kronenzeitung - bewiesen hat. 
|
|
|