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Klösterglanz, Glockenklang und Glaubensströme
Jahr 2000
Die Donau und die Religionen
Wer denkt schon daran, wenn in christlichen Landen die Mittagsglocken ertönen, daß der Ursprung dieses so vertrauten frommen Geläutes an der Donau zu suchen ist? Am 21. Juli 1456 wurde vor Belgrad eine der großen Abwehrschlachten gegen die Türken geschlagen. Janos Hunyadi, ungarischer Reichsverweser und Woiwode von Siebenbürgen befreite mit seinem Magyaren-Heer die von den Türken belagerte Donau-Festung. Der Vorstoß des Islams ins Herzen Europas war zumindest vorübergehend aufgehalten worden. Zum Dank dafür ordnete der Papst in allen katholischen Kirchen das Läuten der Mittagsglocken an, diesen erzenen Aufruf zum Angelus-Gebet. Und dabei ist es bis heute geblieben.
Wie auf der Donau Wein und Weizen verschifft wurden, und Holz und Salz, so wurden auf ihr auch Glauben und Religion ge- und befördert. Der Strom trug Missionare zu Heidenvölkern, faszinierende Heiligengestalten wie Severin, Kyrill und Method oder Wolfgang lebten und wirkten an seinen Ufern. Und vom bulgarischen Nikopol über Belgrad, Peterwardein, Mohacs, Ofen bis Wien stand die Donau auch immer wieder im Zentrum des Schicksalskampfes zwischen Islam und Christentum. Die Auswirkungen dieser historischen Auseinandersetzung sind bis in die Gegenwart zu spüren. Und die prunkenden Klosterpaläste am und über dem Strom dienen als sichtbarer Ausdruck des Triumphes über die Heere des Sultans und eines durch die Abwehr der Türkengefahr erwachsenen neuen Sicherheitsgefühls.
Dieses barocke Welttheater der stolzen Abteien mit ihrem anmutigen Linienspiel, den geschwungenen Formen einer verschnörkelten Zeit, der Majestät ihrer Kuppelgebirge, dem Illusionismus falscher Fenster und aufgemalter Tore, den frommen Tanzorgien in strahlenden Freskenhimmeln, der ekstatischen Hingabe der Heiligenfiguren und dem weltlichen Prunk ihrer Kaisergemächer, dieses Superspektakel des 18. Jahrhunderts, das überragende Abtspersönlichkeiten in einer schrankenlosen Baulust, wenn nicht sogar Bauwut über oder an der Donau inszeniert haben, verschleiert eine oft tausendjährige Kontinuität.
Der Donaufahrer erlebt das Christentum, wie es sich seinen Blicken darbietet, vornehmlich als ein barockes Phänomen, weil am Strom die Kulissen aus jener künstlerischen Glanzperiode die leuchtendsten und lautesten Farben tragen. Doch die meisten Klöster feierten längst ihre Neunhundert- oder Tausend-Jahr-Jubiläen. Sie haben das Christentum gebracht, sie haben es verbreitet, sie haben es bewahrt. Denn die Klöster am Strom sind so etwas wie geistige und geistliche Staustufen. Viele Jahrhunderte hindurch wurden die Menschen in diesem Raum von der religiösen und kulturellen Erziehungsarbeit der Mönche geprägt, und auch für die wirtschaftliche Entwicklung waren die Klöster eine bestimmende Kraft.
Weil die Donau seit den Römern die wichtigste Verkehrsverbindung im mittleren Europa war, siedelten sich die Mönche gerne am Strom an. Wo die Donau noch ein Flüßchen ist, und sich ihren Wege durch den schwäbischen Jurakalk brechen muß, liegt die Benditkinerabtei Beuron. Und von da an gleicht die Donaukarte einem Klösterprospekt - Zwiefalten, Obermarchtal, Elchingen, Weltenburg, Metten Niederaltaich, Engelszell, Wilhering, St. Florian, Melk,
Göttweig, Klosterneuburg. Viele Abteien erfüllt noch mönchisches Leben, andere, obwohl äußerlich intakt, sind nur noch Klosterruinen. Durch die Säkularisierung, die Aufhebung, haben sie ihrer innere Substanz verloren, und die Güter verfielen zugunsten der Landesherren. Darum ist in Schwaben und Bayern oft nur noch die Barock- oder Rokokoschale geblieben, ohne den Kern des täglichen Betens und Arbeitens einer Schar frommer Männer, die glauben,daß nicht alles wichtig ist, was für die meisten Menschen Gewicht hat.
In Melk dagegen ist das tägliche Chorgebet seit über 900 Jahren nicht verstummt und nirgendwo sind Kloster und Strom harmonischer miteinander verbunden. Nicht einmal die einschneidenden Veränderungen der Umgebung und des Donaulaufes durch den Kraftwerksbau vermochten die vollkommene Verschmelzung von Architektur und Landschaft zu stören. In diesem ebenso klassischen wie werbewirksamen Österreichbild offenbart sich jene imperiale Größe, von der das kleine Land immer noch gerne träumt. Und in aller Welt fällt unzähligen Menschen zu Österreich neben Strauß und Mozart und dem Wiener Stephansdom gleich dieses Melker Postkartenpanorama ein.
Als der gegenwärtige Abt vor einiger Zeit in England unterwegs war, bemerkte ein ihn begleitender Pater, daß sein Oberer im Zugabteil zufällig unter dem Photo seines Stiftes Platz genommen hatte. Melk ist eben überall. Und der Schriftsteller Umberto Eco gestand bei einem Besuch in der Benediktinerabtei, für seinen Roman "Der Name der Rose" den Erzähler Adson von Melk erfunden zu haben, weil ihm schon beim Vorbeifahren der Anblick des Stiftes einen so unvergeßlichen Eindruck hinterlassen hatte.
Wie ein katholisches Siegesmonument steht die Kirchen- und Klosterburg über dem Strom, den Sieg des Glaubens über alle Stürme der Zeit verkündend. Gleichzeitig drückt es aber auch die Stärke einer weltlichen Herrschaft aus, die Türken und Ketzer und alle anderen Feinde Roms und Habsburgs bezwungen hat. Die Mönche, die auch hier der "Ora et labora"-Regel Sankt Benedikts gehorchten, waren große Herren und jederzeit bereit, in ihrem Haus Kaiser und Könige zu empfangen. Und wer den 196 Meter langen Kaisergang durchmißt, wandert durch eine Galerie sämtlicher österreichischer Herrscher vom Babenberger Markgrafen Leopold I. bis zum letzten Habsburger Kaiser Karl I.
Die beiden schlanken Babenbergertürme sind die letzten Reste des befestigten Platzes, von dem aus die ursprünglich aus Franken stammenden Markgrafen seit 976 nach dem Ende der Ungarn-Invasion die Südostgrenze des Heiligen Römischen Reiches sicherten. Und sie haben hier auch ihre Toten begraben. Erst später, als die Babenberger ihre Residenz donauabwärts nach Klosterneuburg verlegten, riefen sie im Jahre 1089 Benediktiner nach Melk, damit die Familiengruft unter geistlicher Obhut bliebe.
Der Besucher heute tritt jedoch in eine barocke Welt ein, wie sie der visionäre Bauwille Abt Berthold Dietmayrs und die genialen Vorstellungen des Architekten Jakob Prandtauers zwischen 1701 und 1747 geschaffen haben. Beide haben ihr Melk nie so wie wir in seiner Vollendung gesehen. Prandtauer starb 1726, und Abt Berthold mußte sich von seinen Mönchen zeitweise heftige Kritik wegen seiner "Verschwendungssucht" gefallen lassen und noch ein Jahr vor seinem Tode erleben, wie ein Brand 1738 wesentliche Teile des Neubaues vernichtete. Prandtauers Schüler Joseph Munggenast führte schließlich das Mammutprojekt zu einem glücklichen Ende.
Wie Melk mußten auch die anderen großen österreichischen Donauabteien, St.Florian, Göttweig und Klosterneuburg, jederzeit bereit sein, den Habsburgern als Ersatzresidenzen zu Verfügung zu stehen. Auf der beschwerlichen Reise durch ihre Lande, etwa zur Erbhuldigung durch die Stände oder zur Krönung nach Frankfurt am Main, sollten sie hier standesgemäßen Unterstand finden. Und die Prälaten taten alles, um Schönbrunn oder die Wiener Hofburg an weltlichem Glanz zu übertreffen - am üppigsten vielleicht im Augustiner-Chorherrenstift St.Florian, unweit von Linz. Der Marmorsaal steht im Zeichen der "Austria triumphalis". Da zelebrierten Prandtauer und die Maler Martin und Bartholomäus Altomonte Kaiser Karl VI. und seinen Feldherren Prinz Eugen von Savoyen und dessen Siege über den osmanischen Erzfeind in einer rauschenden Bewegungs- und Farbensymphonie: Österreich und Ungarn als üppige Damen mit Siegespalmen in den Händen, Ruhmesgöttinnen, gefangene Türken, der Kaiser mit dem Marschallstab, der Prinz mit dem Degen, beide hoch zu Roß, die Türme und Mauern der eroberten Festungen Belgrad und Temesvar. Und die Veränderung der politischen Geographie des Donauraumes zeigt ein Doppeladler mit den Wappen Serbiens und Siebenbürgens an.
Ähnliche "Österreich über alles und allen"-Gefühle" werden in Göttweig geweckt. Wie ein neues Jerusalem thront die Abtei auf einem Berg am Ausgang der Wachau. Und Lukas von Hildebrandt schuf hier mit der Kaiserstiege das aufwendigste und großzügigste Treppenhaus in diesem Wettbewerb um kaiserliche Gunst und Aufmerksamkeit. Der Freskenmeister Paul Troger aber verklärte Karl VI. als strahlenden Sonnengott, vor dem alle Mächte der Finsternis zurückweichen.
Unmittelbar vor Wien, in Klosterneuburg, wird die Architektur jedoch zum politischen Psychogramm des Kaisers. Nachdem Karl im Erbfolgekrieg die von ihm so heiß begehrte spanische Krone verloren hatte, wollte er seine Weltreichträume wenigstens in diesem Stiftsbau verwirklichen. Er drängte die Augustiner-Chorherren in ein Mammutprojekt - das Kloster sollte ein österreichischer Escorial werden, eine Verbindung von Kaiserpalast und Kloster mit neun Kuppeln, jede mit einer der Kronen des Hauses Habsburg geziert. Vollendet wurden jedoch nur zwei Kuppeln - die mit der römischen Kaiserkrone und dem österreichischen Erzherzogshut. 1740, zehn Jahre, nachdem Donato Felice d`Allio den Bau begonnen hatte, starb der Kaiser plötzlich. Und damit fehlte die treibende Kraft hinter dem Gigantenwerk. Karls Tochter, Maria Theresia, hatte andere Sorgen. Die Arbeiten wurden eingestellt, und die Chorherren waren glücklich, von dieser schweren Last befreit zu sein. Denn das grandiose Unternehmen entsprang nicht nur einer ausrufenden Staatsmystik: im Geist der anbrechenden Aufklärung sollten durch den von oben diktierten kostspieligen Aufwand nebenbei das kirchliche Vermögen geschmälert und die wirtschaftliche Macht des Stiftes geschwächt, wenn nicht gar gebrochen werden.
Auf eine andere Krone blickt der Donaupassagier bei der Ankunft in Preßburg, in Bratislava. Dort erinnert nämlich auf der Turmspitze des Martinsdomes die Sankt-Stefanskrone daran, daß zwischen 1563 und 1830 elf Habsburger in dieser Stadt zu ungarischen Königen gekrönt worden sind. Erst Franz Joseph I. ließ sich 1867 in der ursprünglichen Krönungskirche, in der Ofener Matthias-Kirche hoch über der Budapester Donau, das heiligste magyarische Herrschaftszeichen aufs Haupt drücken.
Ihre Donau haben die Magyaren jedoch auf eigene pompöse Weise gekrönt: mit der klassizistischen Kathedrale von Esztergom, dem Sitz des Primas von Ungarn. Um ihre nationale Eigenständigkeit auch in religiösen Bereichen zu betonen, haben sie hier im Donauknie eine ungarische Peterskirche errichtet, eine Kirche als architektonisches Gebirge über einem Land, das seine Seele aus der Ebene empfangen hat. Auf dem steinernen Festungshügel, aus dem in den vergangenen Jahren die überreste des Residenz der ersten ungarischen Könige ausgegraben wurden, erhebt sich ein 100 Meter hohes Kirchenmonstrum, das alle Maße sprengt. Und im Inneren gilt eine etwas abgewandelte Tizian-Kopie seiner venezianischen Himmelfahrt Mariens mit ihren 13 mal 6,5 Metern als das größte auf Leinwand gemalte Altarbild der Welt. Für 2.051.527 Gulden wurde von 1822 bis 1856 an diesem Riesenwerk gebaut. Hier ist der heilige König Stephan geboren, unter ihm wurden die Magyaren christianisiert, und hier erhielt er im Jahre 1000 die ihm von Papst Silvester II. Übersandte Krone - das den Ungarn teuerste Nationalheiligtum.
Wie der Wiener Dom ist die Esztergomer Kathedrale dem ersten aller Märtyrer geweiht, St. Stephan. Und der ist der Patron Passaus, jenes Bistums, das in der Missionierung und Christianisierung des Donauraumes, eine seiner wesentlichen Aufgaben sah. Gleich der Kommandobrücke eines Schlachtschiffes, sitzt die bayerische Stadt auf der schmalen Landzuge zwischen Inn und Donau. Und wie die Bayern im frühen Mittelalter ihre Macht gegen Südosten ausdehnten, so pflanzten die Passauer Bischöfe dem Strom abwärts folgend ihre Kreuze auf. Dieser ebenso weltliche wie religiöse Drang nach dem Osten wurde jedoch durch eine Gegenbewegung aufgehalten. Die Passauer Missionare stießen auf einmal auf Glaubensboten aus Byzanz. Und die hatten einen Vorteil - sie verkündeten den slawischen Völkern die frohe Botschaft in deren eigener Sprache - die beiden heiligen Brüder aus Saloniki, Kyrill und Method.
Vor dem Zerfall des südslawischen Einheitsstaates begegneten wir auf der Donau Schiffen, deren Namen in cyrillischen Buchstaben auf den Bug gepinselt waren, und andere, die sich lateinisch schrieben, doch alle fuhren sie unter der jugoslawischen Flagge. Die einen gehörten einer serbischen, die anderen einer kroatischen Reederei. So wurde auch auf dem Strom die geistige Mauer sichtbar, die den Balkan durchschneidet: hier die orthodoxe Welt, die ursprünglich ihre Blicke nach Byzanz richtete, dort die lateinisch-katholische, die auf den Papst in Rom hört. Trotz aller historischer und politischer Veränderungen ist diese Bruchlinie geblieben. Und wie ähnliche geologische Formationen immer wieder die Erde erbeben lassen, so erschütterten im letzten Jahrzehnt dieses Jahrtausends grausige Kriege diese Grenzzonen zwischen den Religionen und Kulturen.
Auch Kyrill und Method mußten kämpfen. Sie waren von Byzanz als Konkurrenz zu der dynamischen deutschen Slawenmission ausgesandt worden. Für ihr Bekehrungswerk entwickelten sie ein eigenes Kirchenslawisch, das Glagolitische, und aus der dazugehörigen Schrift wurde später von den Schülern der beiden Glaubensboten die vereinfachte Kyrillika geformt. Aber damals, im 9.Jahrhundert, war die Kirche noch eins. Und Kyrill und Method gehorchten nicht nur dem Kaiser in Konstantinopel, sondern auch dem römischen Papst. Sie hatten jedoch Mühe, die kirchliche Anerkennung ihrer Sprache durchzusetzen. "Kommt nicht der Regen von Gott, und zwar in gleicher Weise über alle? Scheint nicht ebenso die Sonne auf alle, und atmen wir nicht alle in gleicher Weise die Luft?", fragte Method auf einer Kirchenversammlung in Venedig. "Wie kommt es, daß ihr euch nicht schämt, nur drei
Sprachen zu statuieren, während ihr alle andren Sprachen und Völkerstämme blind und taub zu sein heißet?" Denn nach der geltenden Dreisprachentheorie durfte Gotteswort nur lateinisch, griechisch oder hebräisch geschrieben werden. Der beredte Mönch wurde vom Passsauer Bischof sogar für einige Zeit in Gefangenschaft gehalten, seine slawische Kirche und Liturgie konnte sich jedoch behaupten.
Und an den Donauufern gibt es viele Zeugnisse dafür. Im slowakischen Komarno steht ein serbisch-orthodoxes Gotteshaus, und in Szentendre, in der pardiesischen Touristenlandschaft des Donauknies auf dem Weg nach Budapest, haben die Raitzen, die in Ungarn lebenden Serben, das Zentrum ihres Kultes. Hinter einer eher "katholischen" Braockfassade verbirgt sich eine der reichsten orthodoxen Kirchen am Strom. In Novi Sad konnten bis zum zweiten Weltkrieg katholische Kroaten, Ungarn und Deutsche, orthdoxe Serben und eine ansehnliche jüdische Gemeinde friedlich miteinander koexistieren. Das Städtchen Karlowitz am rechten Ufer weist eine byzantinische Kuppel samt einem historisierenden Jahrhundertwende-Palast als das einstige "serbische Rom" aus. Denn hier residierte unter den Habsburgern der serbisch-orthdoxe Patriarch. 1690 hatte der Patriarch Arsenije Crnojevic 7000 Familien aus dem von den Türke beherrschten Serbien in das habsburgische Südungarn geführt. Bei diesem Exodus brachten die Serben nicht nur ihre Ikone und wertvolles Meßgerät mit, sondern auch ihre kostbarsten Reliquien, die Mumien ihrer Könige und Heiligen, auch die König Lazars, der 1389 in der Schicksalsschlacht am Amselfeld, am Kosovo, ums Leben kam. Heute liegt sein Leichnam in Belgrad. Aber in der Fruska Gora, dem gebirgigen Hinterland, verstecken sich einige serbische Klöster, von denen einige schon lange vor der großen Einwanderung entstanden sind, religiöse Schatzkammern orthodoxer Frömmigkeit und Geschichte.
So wurde Gott an den Ufern des Stromes in vielen Sprachen und Formen gepriesen, und im Namen Gottes ist bis heute unendlich viel Blut vergossen worden. Glaubensfestungen, Kathedralen, stolze und bescheidenere Kirchen säumen das Wasser, in Serbien, Rumänien und Bulgarien wölben sich mächtige, oft fast protzige orthodoxe Kuppelbauten selbst über dem ärmlichsten Dörfchen. Seit der Wende sind trotz aller Armut viele aufwendig restauriert oder überhaupt neu errichtet worden. Und an der Wiener Donau grüßt heute sogar das Minarett einer Moschee, und auf der anderen Stromseite steht ein buddhistischer Tempel. Die eindrucksvolle Preßburger Synagoge aber, die einst den Blick der Donauschiffer auf sich zog, ist einer brutalen Stadterneuerung durch die Kommunisten zum Opfer gefallen.
Und weit unten, in Sulina, dort, wo sich die Donau ins Schwarze Meer verliert, scheinen alle Nationen und Konzessionen an ihren Ufern noch einmal versammelt zu sein - in der einen Kirche die Rumänien, in der nächsten die Griechen, dann die Lipowener, die russischen Altgläubiger; in dem bescheidenem Gotteshaus sind die Aufschriften gar fünfsprachig, und manchmal wird dort deutsch gepredigt. Wie sich der Strom auf seinem langen Weg vom Abend zum Morgen im Schilfdschungel des Deltas in ein Netz von Kanälen und Seen spaltet und teilt, so sucht und fragt hier ein buntes Völkergemisch in diesem Gewirr der Sprachen und Bekenntnisse nach Gott und dem Himmel. Und von der katholischen Kirche bimmelt um zwölf die Mittagsglocke, wie es sich gehört, an der Donau und überall.
Ernst Trost
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