| 2005 - Landschaft mit Leidenschaft |
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"Landschaft mit Leidenschaft"von Ernst Trost April 2005 Das soll die Donau sein? Oder wird sie es erst? Wer die Donau nur von einer Kreuzfahrt kennt, wird mit diesem Flüsschen wenig anfangen können. Statt sich breit und mächtig zwischen ihren Ufern wälzend, ist sie auf ihren ersten 300 Kilometern eher ein bescheidenes Gewässer, lieblich und harmlos. "Die Donau entströmt einem sanften, nur leicht ansteigenden Höhenrücken des Schwarzwaldes, kommt zu vielen Völkern, bis sie schliesslich in sechs Rinnen ins Schwarze Meer durchbricht." So hat bereits der römische Historiker Tacitus die 2845 Donaukilometer auf eine Kurzformel gebracht. Doch allzu sanft geht es auch auf den ersten 262 Kilometern von Donaueschingen bis Ulm nicht zu. Die sogenannte "junge Donau" hat bereits einige harte Bewährungsproben zu bestehen. Wo sie gerade stark genug ist, ein paar Miniaturkraftwerke zu betreiben, muss sie die Herausforderung der Schwäbischen Alb annehmen und eine Barriere aus weißem Jurakalk überwinden. Was das Flüsschen da im Lauf von einigen hunderttausend Jahren geleistet hat, ist durchaus mit den Stromgewalten zu messen, die sich auf dem Weg in den Südosten erfolgreich durch die Alpen und die Karpaten kämpfen. Nahe der Benediktinerabtei Beuron im deutschen Bundesland Baden-Württemberg sagt die Donau zum ersten Mal, wer und was sie ist. Sie stellt sich vor - und der erste Eindruck bleibt unvergesslich. Von weitem erscheinen die Jurafelsen wie eine undurchdringliche Mauer, und plötzlich tun sie sich auf, bilden eine schmale Gasse, vom Fluss aufgesprengt, bezwungen. Ein helles Felsenstadion umschließt den Betrachter. Eine Arena für Raubritterromanzen, oder Karl-May-Spiele, ein Festsaal der Natur, ein Auditorium für den Massenchor unzähliger Vogelstimmen: Aber in den Wänden gibt es weder Sitze noch Stehplätze, nur die in den Fels gehauene schmale Strasse führt durch einen sturmzerrauften Wald auf die vom Strom so jäh durchbrochene Hochebene. Vom senkrechten Abfall des flachen Landes aus schaut man in den Kessel hinunter, in dem tiefgrüne Wiesen und gelbe Getreidefelder die Schroffheit der Wände mildern. Für den Fluss scheint es hier keinen Ausweg zu geben. Er ist durch seine eigene Kühnheit in die Falle gegangen. Der Eindruck täuscht. Die Donau kennt ihre Richtung und ihre Bestimmung. Der Jurakalk ist nicht zäh genug, sie aufzuhalten. Und dem Betrachter wird hier erstmals bewusst, dass in diesem schmalen Wasserlauf das Potential eines Stromes steckt. Und das ist gewaltig: Mit all ihren Zuflüssen hat die Donau ein Einzugsgebiet von 817000 Quadratkilometern und wird so zur Lebensader von rund 200 Millionen Menschen. Und im Lauf der Geschichte nahm sie die unterschiedlichsten Funktionen wahr: als Wasserstrasse und wichtigste Verkehrsverbindung, als "nasser" Limes wesentlicher Bestandteil des Grenzsicherung des römischen Imperiums, Völkerscheide, Brücke zwischen West und Ost, Heerstrasse Kriegsschauplatz, "Schicksalsstrom" im Dienst nationalistischer Propaganda, Kühlwasser für Kernkraftwerke, viel besungen und vertanzt, usw. usw. Sie verbindet und sie trennt. Und weil sie vom Abend zum Morgen fließt, wird ihr meist auch noch das Eigenschaftswort "abendländisch" angehängt. Die Donau und die von ihr geprägten und geformten Landschaften lassen sich leidenschaftlich lieben, erzeugen Leidenschaften, regen Künstler zu stürmischen Gefühlsausbrüchen an, versetzen den Wanderer oder Touristen in Verzückung und romantische Jubelstimmung oder schenken ihm das Glück stiller Betrachtung. Die Donauprospekte schmücken sich lieber mit packenden Photos von der dramatischen Auseinandersetzung des Flusses oder Stromes mit den Kräften der Natur, die sich seinem Lauf entgegenstellen oder ihn zumindest ablenken, umbiegen oder verändern möchten: In der Schwäbischen Alb, beim bayerischen Weltenburg, dann in Österreich in der Schlögener Donauschlinge, im Strudengau oder in der Wachau, an der heute slowakischen Ungarischen Pforte, im Donauknie vor Budapest, am Rande der Fruska Gora, in den Felskesseln des Karpatendurchbruchs zwischen Serbien und Rumänien vor dem Eisernen Tor, diesen durch einen gigantischen Staudamm entschärften Stromschnellen, weiters unter dem pittoresken bulgarischen Steilufer bis hin zum Delta, wo sich die Donau in einer von ihr geschaffenen eigene Seen- und Schilfdschungelwelt in mehrere Arme teilt und ins Schwarze Meer verliert. Dazwischen sind lange Passagen, die auf den ersten Blick keine Geschichten erzählen. Ein grüner Baumgürtel säumt den Strom. Unendliche Augebiete, natürliche Wälle aus knorrigen Weiden mit ihrem vom Wasser freigelegten Wurzelwerk oder von Menschen aufgeworfene Dämme verbergen die dahinter liegenden Städte und Dörfer. Sie sind wie ein Vorhang vor dem Theater von Liebe und Leid, Arbeit und Festesfreuden, Armut und Reichtum in der alltäglichen Existenz so vieler Donauanrainer. Aber auch an der Uferrampe, also vor dem Vorhang, ist Leben. Der Blick des Beobachters braucht nur Geduld. Bringt er die auf, wird jede Bewegung spannend, jeder Vogel, der auffliegt, die treibenden Stämme in der Flut, ein einsames Boot, da und dort ein Fischer, junge Leute um ein Lagerfeuer, ein Bussard auf einem dürren Baum, Kormorankolonien, Enten, hoch im Himmel kreisende Seeadler, und die Umrisse eines Schiffes, das sich gemächlich nähert. Ein leises Wasserrauschen, plätschernde Wellen. Großzügig verteilt die Donau das Geschenk der Stille, der Ruhe und der Weite. Wenn die Sonne die Wogen streift, werden sie rot, werden vergoldet. Wogen ist nun ein durchaus berechtigtes Wort. Auch das Attribut "majestätisch" darf man der Donau endlich anhängen. Sie ist so breit, dass sie von ihren Ufern unabhängig zu sein scheint. Und sie verändert schließlich ihre Gestalt, wird zu einem Gewinde von Kanälen, Inseln, Seitenarmen, Seen, Sümpfen, durch die eine breite Schiffsbahn führt. Dann, auf einer Sandbank, noch lange vor dem Delta, sind da plötzlich mehrere Dutzend Pelikane versammelt. Und die, die auffliegen, schrauben sich in steilen Kreisen in die Höhen des blauen Himmels. So aufregend kann diese "langweilige" untere Donau sein. Doch zurück zum Beginn allen Fliessens. Selbst die Urspungslandschaft im Schwarzwald schafft es, Leidenschaften zu provozieren. Der Streit um die Quelle hat oft und oft lokalpatriotische Gemüter erzürnt. Da ist einmal die offizielle Donauquelle im fürstlich- fürstenbergischen Schlosspark von Donaueschingen. Dort haben Hausherren vor Jahrhunderten das aus dem karstigen Boden sprudelnde Wasser elegant in Stein gefasst und dieses topfartige Becken, gestützt auf die Erkenntnisse antiker und mittelalterlicher Geographen, zur Donauquelle erklärt. Und die Donauvölker aus dem Südosten pilgern hierher und erweisen dem Strom Reverenz. Seit dem Zusammenbruch des Kommunismus können sie sich hier zur europäischen Einigungsfunktion des Stromes bekennen und das durch Inschriften und Tafeln kundtun. So deklarierten die Ungarn 1996, im Jubiläumsjahr der magyarischen Landnahme, dass die Donau seit 1100 Jahren ein Teil ihres Lebens sei. Schon seit 1994 ist der junge kroatische Staat mit seinem relativ kurzen Stromanteil am Quelltopf präsent: "Die Donau singt in der kroatischen Nationalhymne. Sie ist seit über tausend Jahren das Band zwischen dem kroatischen Staatsvolk und der großen europäischen Familie." Und die Serben verbeugen sich und wünschen in unruhigen Zeiten: "Auf dass Ihre Majestät, die Donau, uns ein wenig ihrer Ewigkeit verleiht." Die Rumänen aber reklamieren das Delta für sich, obwohl ein Arm den Ukrainern gehört: "Rumänien, die tausendjährige Bastion Europas, hütet das Delta der Donau." Ein Donaukatalog also, quer durch die Zeiten und von der Quelle bis zur Mündung, gleichzeitig Ausdruck einer leidenschaftlichen Bindung der Anrainer an das europäischste unserer Binnengewässer. All jenen, die den Donaueschingern ihre Quellenvorrechte absprechen, sind solche ehrfürchtigen Gefühle an jenem Ort völlig fremd. Die Schlossquelle sei lediglich als "ein Bestandteil des Fürstenbergischen Museums zu betrachten. Mit der wirklichen Donauquelle hat diese hochmütige Pfütze nichts zu tun", hieß es in einer Polemik vor 40 Jahren, als der Streit um die Quelle einen Höhepunkt erreichte. Wer sich heute etwas tiefer in den Schwarzwald begibt, stößt im Städtchen Furtwangen auf den Wegweiser "Zur Donauquelle" und wird dann 48,5 Kilometer oberhalb von Donaueschingen am Katzensteig nahe uralter, einschichtiger Bauernhöfe wie aus dem Freiluftmuseum in lieblichem Wiesengrund fündig. Klares Wasser quillt und sprudelt da am Waldrand aus einer schmalen Bodenöffnung zwischen einigen Steinen. Und gleich wird es zu einem Bächlein, das nach dem Urteil der meisten Geographen aller Anfang der Donau ist. Eine Tafel macht es amtlich: "Donauquelle. Hier entspringt der Hauptquellfluss der Donau, die Breg, in der Höhe von 1078m ü. d. M., 2888 km von der Donaumündung entfernt, 100 Meter von der Wasserscheide zwischen Donau und Rhein, zwischen Schwarzem Meer und Nordsee." Man blickt hinauf zu dem dunklen Kamm über dem Kolmenhof und der Martinskapelle und wird beinahe von Ehrfurcht ergriffen bei dem Gedanken, dass da drüben alle Wässerchen über den Rhein in die Nordsee rinnen, während ein paar Tropfen Bregwasser wohl im Schwarzen Meer ankommen sollten. Und es ist noch gar nicht so lange her, da war das auch eine Scheide von Ideologien und Systemen. Da blieb der eine Bach bis ans Ende im kapitalistischen Europa, während der andere via Donau in kommunistische Machtbereiche und mit dem Chilia-Arm sogar direkt in das Sowjet-Imperium führte. Und diese so entscheidende natürliche Barriere ist nichts anderes als ein dunkler Wald, aus dem jeden Augenblick äsende Rehe treten könnten oder ein krummes Weiblein, das trockene Äste sammelt. Am eigentlichen Fluss oder Flüsschen steht man allerdings erst nach einem Zehnminutenspaziergang durch den Fürstenbergischen Schlosspark, dort wo Brigach und Breg zusammenfließen, und, wie es in dem Merkspruch heißt, "die Donau zuweg" bringen. Doch dann ist alles wieder anders, 26 Kilometer weiter, zwischen Immendingen und Fridingen verschwindet die Donau ganz einfach. Die meiste Zeit des Jahres versickert sie in den Ritzen und Spalten eines karstigen Flussbetts und lässt oft nur einige Pfützen übrig. Um das Rätsel zu lösen, hatte man bereits 1877 bei Immendingen Schieferöl und Kochsalzlösungen in den Versickerungsbereich geschüttet. 60 Stunden später war in dem in 12 Kilometer Luftlinie entfernten Aachtopf, Deutschlands größter Quelle, Öl- und Salzgeschmack zu spüren. Durch ein Labyrinth unterirdischer Hohlräume in dem kalkreichen Weißjuragestein fließt ein Teil der jungen Donau auf Umwegen über die Aach in den Rhein. Heute leitet ein moderner Druckstollen eine gewisse Menge des Donauwassers ab und verhindert so in kritischen Jahreszeiten ein Austrocknen des Flusses. Ist das alles nicht Drama genug, längst bevor die Donau ihre wahres Gesicht erhält? Und gleich geht es weiter mit leidenschaftlichen Gefühlsausbrüchen. Da wütet ein verbitterter französischer Schriftsteller angesichts des über dem Fluss sitzenden Hohenzollernschlosses Sigmaringen: "Sakra! Wie es da oben auf seinem Felsen aufgepflanzt lag.Horst, Wiege der stärksten Zucht von durchtriebenen Raubwölfen Europas! Eine ulkige Hochburg.denken Sie mal, es würde umgekippt,die wurmstichige Bruchbude. das Gleichgewicht dauert nicht ewig! Es wird in die Donau fallen!. in die Soße! Mit allen Erinnerungen!.und allen Teufelsfürsten..und -Königen! Ins Delta da unten!... ach, die so wütende reißende Donau! Wird alles mitreißen.ach, ,blaue Donau'!...kann mich mal!...ungestümer, zornbrausender Fluss, reißt alles fort.!" Diese Fieberphantasien stammen von Louis-Ferdinand Celine ("Reise ans Ende der Nacht"). Als Petain-Anhänger war der Schriftsteller mit den Mitgliedern der vor den Alliierten flüchtenden Vichy-Regierung im Sommer 1944 aus Frankreich ins Zwangsexil nach Sigmaringen evakuiert worden. In seinem autobiographischen Roman "Von einem Schloss zum anderen" reagierte Celine Frust, Wut und Verzweiflung über sein politisches und privates Dilemma an der Donau und den Hohenzollern ab. Deren Sigmaringer Zweig hat schließlich den Rumänen zwei Könige geliefert. Und im Schloss werden bei Führungen bis heute die Trophäen von hohenzollerischen Fischadlerjagden im Delta gezeigt. So hat eben das Donautal seit eh und je Kaisern, Königen, Fürsten, Heerführern und Politikern, aber auch Denkern, Dichtern und Künstlern als geographische Leitlinie und Wegweiser für ihren Tatendrang gedient, und auch als Kanalisation ihres leidenschaftlichen Strebens. Denn auch der winzigste Abschnitt eines großen Stromes enthält eine Spur vom Ganzen. Jeder Strom bildet von der Quelle bis zur Mündung einen einheitlichen Körper. Und das lässt uns auch die Landschaft spüren. "Die Donau - jene mächtige Ader, die im Herzen Europas entspringt und durch seine edelsten Teile das Element des Lebens und Gedeihens führt" . Das überschwängliche Preislied, das Adelbert von Müller um die Mitte des 19.Jahrhunderts gesungen hat, bewahrt seine Gültigkeit: "Die Donau mit ihren lachenden Fruchtgefilden und schauerlichen Felswüsten, ihren sonnigen Rebenhügeln und ungelichteten Urwäldern, ihren stillen seeähnlichen Buchten und in Engpässen brausenden Strudeln, ihren volkreichen Tälern und menschenleeren Steppen, ihren kriegerisch trotzenden Vesten und friedlichen Klöstern, mit ihren prachtvollen Hauptstädten, ihren massenhaften Domen und schlank aufstrebenden Minaretten, mit ihren Trümmern einer untergegangenen Welt voll Größe und Ruhm, mit ihren von dem Blut aller Nationen geröteten Schlachtfeldern - kurz mit all den auf das Mannigfaltigste wechselnden Ansichten, Naturszenen, Altertümern, Kunstgebilden, Bauten, Walstätten, Uferwiegen, an welchen sie vorbei führt." Was für ein leidenschaftlicher Donau-Katalog! Das Antlitz des Stromes hat sich seitdem in manchem gewandelt, wie die Völker, wie die politischen Verhältnisse an den Ufern. Von Jahr zu Jahr machen sich jedoch mehr und mehr Menschen auf, die Donau und ihre Ufer zu entdecken und erkunden. Schiffbar ist sie ab Ulm, und die Kreuzfahrtschiffe, die aus dem Rhein-Main-Donau-Kanal kommen, erreichen sie bei Kelheim. Und viele legen erst von Passau ab. Wer jedoch einmal von der Donau-Leidenschaft ergriffen ist, der sollte sie in ihrer Gänze kennen lernen und ihre Größe erfahren, auch dort, wo sie noch klein, schmal und jung ist. |
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