Menu Content/Inhalt
 
Start arrow Tourist Commission arrow Themes of the Year arrow 2004 - Wie die Donau tönt

Press Service

Aug.08
Downloads
File08/2008 e
Aug.08
Downloads
File08/2008 d
Jul.08
Downloads
File07/2008 e
donauwelle.jpg
2004 - Wie die Donau tönt Print

Wie die Donau tönt - Gedanken zu einem europäischen Strom und seinem musikalischen Leben

Von Ernst Trost

Die Geigen sangen, die Wiener Philharmoniker spielten, und die Leute in dem Lokal starrten fasziniert auf den Bildschirm über der Theke und wiegten sich im Walzertakt "An der schönen blauen Donau..." Das erlebte ein Schweizer Musiker in einer Karaoke Bar in Changchun, der Hauptstadt der Mandschurei im Nordosten Chinas. Die Gäste schauen gerne Videos, und die Aufnahmen vom Neujahrskonzert aus Wien gehören zu ihren Favoriten. Nur ein Beispiel dafür, wie weltweit präsent die Donau durch die Musik ist. Alle geographischen, ökonomischen und historischen Kategorien fallen da um einiges weniger ins Gewicht. Eine überwältigende Mehrheit der Menschen allüberall wird beim Stichwort Donau wohl an den unsterblichen Walzer denken und vielleicht sogar ein paar Takte summen können.

Der Strom und die Musik, das gehört einfach zusammen. In der Musik ist ja das ganze Leben, mit allen seinen Regungen und Strömungen, und alles lässt sich mit und aus und durch die Musik erfahren, verstehen, erklären, ertragen, und überwinden. Und die Donau hat ihre eigenen Töne, ihren spezifischen Klang, und der regt wieder zum musizieren und komponieren an. Aber wie tönt die Donau wirklich?

Wer etwa nördlich von Wien oder sonst wo in einem der vielen hölzernen Strandhäuser übersommert oder auf andere Weise in Ufernähe wohnt, der kennt die Stimme und Stimmen der Donau. Und sie spricht viele Sprachen. Da wird man manchmal von russischen oder ukrainischen Kommandos aus dem Schlaf gerissen, durch Megaphon oder Bordlautsprecher verstärkt.. Und das Mahlen und Stampfen und Dröhnen der schweren Maschinen oder nur das sanfte Summen der modernen Luxusliner wird fast zum Naturlaut, wir empfinden es nicht als Lärm, denn es fehlt ihm die akustische Aggressivität etwa eines Autobahninfernos. Nicht einmal das warnende Tuten der Schiffe stört. Mit dieser Donausymphonie lässt es sich gut leben, selbst wenn dann und wann des Nachts durch die vor Anstrengung keuchenden Dieselmotoren einer überlasteten Schubeinheit die Fenster klirren. Den Schlagwerkpart hatten früher die Hämmer der Werft am gegenüberliegenden Ufer mit ihrem dumpfen Fall übernommen. Feindselige Dissonanzen produzieren am ehesten noch die Motorboote.

Die Donau selbst ist nur bei niedrigem Wasserstand hörbar, wenn sie über die Buhnen wirbelt, oder auch, wenn die Schiffe Wellen schlagen und wir der Illusion des Meeresrauschen erliegen. Doch je höher die Donau steigt, desto stiller wird sie, bis zum unheimlichen Pianissimo des Hochwassers. Da wälzen sich dann die schmutzigen Fluten in bedrohlichem Schweigen talwärts und wir schauen am Teletext besorgt auf den Pegelstand.

Doch wenn man sich bei mittlerem oder niedrigeren Wasser in den Strom wagen kann und sich schwimmend treiben lässt, oberhalb von Wien ist das durchaus möglich, da hat die Donau Güteklasse zwei, dann lauscht man dem Singen der sich am Grund durch die Strömung aneinander reibenden Kieselsteine, da entsteht ein Sound, als ob der Wind auf Telegraphendrähten Harfe spielte oder eben gleich dem einzigartigen flirrenden Vibrato der Wiener Philharmoniker.

Für all die, die hören können, schwingen in dieser Harmonie so vieler bunter Melodien und Geräusche die geheimen Obertöne der Donau mit. Und diesen Klang haben die Musiker immer wieder zu erlauschen getrachtet . Erst in jüngster Zeit versuchte Joe Zawinul den Strom mit den Mitteln des Jazz nachzuerzählen oder zu illustrieren. Aber bereits Bela Bartok hat als zehnjähriger Schüler seine feurige Ungarnliebe in einer kindlichen Komposition "Die Donau" in Noten gesetzt. Zwanzig Minuten sollte das Klavierwerk dauern, und die musikbeflissene Mutter schrieb "Opus 18" darüber. Die musikalische Geographie des kleinen Bartok war in ihrer magyarisch nationalen Ausrichtung geradliniger als der Strom. Der Bub kommentierte: "Die Donau freut sich, dass sie sich Ungarn nähert...sie freut sich noch mehr, weil sie schon in Ungarn ist. Polka... Die Donau unterhält sich mit ihren Nebenflüssen...die Donau kommt in Budapest an. Csardas...Die Donau nimmt die Theiß auf... Sie verabschiedet sich von Ungarn...Die Donau ist am Eisernen Tor angelangt... Die Donau ist traurig, weil sie Ungarn verlässt...Sie ergießt sich ins Schwarze Meer."

Der Gedanke, die Donau musikalisch vom Schwarzwald bis ins Delta fließen zu lassen, hat auch "ausgewachsene" Meister fasziniert. Kurz vor seinem Tode bedankte sich Richard Strauss bei den Wiener Philharmonikern für die Glückwünsche zum 85.Geburtstag und widmete ihnen am 11.Juni 1949 eine Notenskizze mit den Worten: "Ein paar Tropfen aus der versiegten Donauquelle." Und er erinnerte damit an seinen Plan, eine große Donau Tondichtung zu komponieren. Ursprünglich wollte er damit die Hundertjahrfeier der Philharmoniker 1942 begehen. Doch die Arbeit zog sich hin, der Ideenfluss stockte, und was blieb, waren Notizen und Skizzen, aus denen man jedoch ablesen kann, wie sich Strauss die Donaureise vorgestellt hat: zu Beginn ein Bläsersatz "Schloss Donaueschingen", dann "Die Quelle", "Städtebilder", "Talenge und Stromschnellen, Wald, und Kornfelder" und "Ingolstadt" (mit dem Thema der Frau aus der Sinfonia domestica, weil seine Gattin Pauline Ingolstädterin war), "Regensburg", "Passau" (mit Orgelgebraus), "Die Nibelungen an der Donau", "Weinlesefest in der Wachau (Scherzo) und als Apotheose "Wien" mit einem Chor nach dem Weinheber Gedicht "Wie sing ich dich, du vielgeliebte Stadt."

Das Vorhaben ist ebenso im Ansatz stecken geblieben wie das Donauprojekt eines slawischen Komponisten: Leo Janacek beschäftigte sich auf dem Höhepunkt seines Schaffens, kurz nach der Oper "Das schlaue Füchslein" mit einem Tongemälde "Die Donau". Im Oktober 1924 schrieb der Brünner Meister, angeregt durch einen Besuch in Pressburg: "Die kleinen lichtgrünen Wellen der Donau! So viele und eine dicht an der andern. Sie halten sich wohl untergefasst. Sie staunen, wo sie da hingeraten sind. Ans tschechische Ufer!. Sieh stromabwärts, und du hast den Eindruck, als hielten sie in ihrer Eile inne. Es gefällt ihnen hier. Hier will ich meine Symphonie einsetzen. Und vor langer Zeit, in dem nebligen Bild des Bratislavaer Ufergeländes 1923 klang es in mir auf. Ich weiß, dass das Fagott hinzusprang und den Spiegel der Donau kräuselte. Und dann war es, als versänke das ganze Bild in meinem Gemüte. Aber ich weiß, dass es in einem bestimmten Augenblick wieder emportauchen wird, doch nicht mehr allein. Wo kommt das Tremolo der vier Pauken her? Ich glaube fest, dass das Werk in mir aus seinem eigenen Wollen und Wirken emporwächst, sobald nur eine einzige Wurzel im Gemüt fuß gefasst hat..." Dass das tschechische Ufer einmal wieder ein rein slowakisches werden würde, konnte Janacek nicht ahnen. In seiner Donaubegeisterung wollte er sich vom tschechischen Botschafter in Budapest eine Reise ans Schwarze Meer arrangieren lassen. "Ich will die Donau in ihrem ganzen Flusslauf sehen. Und so werde ich denn irgendwann im Sommer bis zu ihrer Mündung ins Meer schiffen. Und dann mache ich mich an meine Sinfonie." Wien personifizierte er als "eine erotische Frau, die sich mit ihrem ganzen Weibtum in den Lauf des Stromes gelagert hat" und bei Pressburg sollte ein Freudenmädchen in der Donau den Tod suchen. Doch was wurde, blieb Fragment. 1948 hat einer der Janacek Schüler das Werk rekonstruiert und in Brünn aufgeführt .Weiter scheint diese Donau nicht gelangt zu sein.

Flüsse verleiten zum Liedermachen, weil so vieles an ihnen Musik ist. Der Mississippi wurde zum "Ol' Man River", die Wolga zur Kulisse für Lehars Operettensoldaten oder bassdröhnender Wolgaschiffer, die Moldau hat Smetana aus limnologischer, also binnenwässerkundlicher Sicht am perfektesten vertont. Der Rhein hat seine Wacht, die verführerischen Frisierkünste der Loreley und den hornschmetternden Stromfahrer Siegfried, der Drina Marsch feuerte im Ersten Weltkrieg die serbischen Regimenter beim Sturm gegen die Österreicher an, und die Donau plätschert im Walzertakt dahin. Mit ein wenig Quellenstudium ließe sich ein musikalischer Reiseführer für den ganzen Strom erarbeiten. Denn von der Quelle bis zur Mündung hört es nie zu klingen und zu tönen auf. Was ich hier zusammengetragen habe, erhebt allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Es soll eher als Anregung zum Weiterdenken und forschen dienen.

"Seine Durchlaucht der Fürst empfing uns außerordentlich gnädig. Er gab mir 24 louis d'or, und jedem meiner Kinder einen diamentenen Ring; Die Zächer flossen ihm aus den Augen da wir uns beurlaubten, und kurz wir weinten alle beim Abschiede..." So vermeldete Leopold Mozart einem Freund die Aufnahme im Fürstenberg'schen Schloss zu Donaueschingen beim fürstlichen Quelltopf, als er 1766 mit seinen beiden Wunderkindern Nannerl und Wolfgang auf Konzertreise durch Europa kutschierte. Die musikfreundlichen Herren des Zusammenflusses von Brigach und Breg, die laut Merkreim die Donau zuweg' bringen, holten sich später den Opernkomponisten Conradin Kreutzer als Hofkapellmeister in die Residenz, und nachdem Liszt in Donaueschingen am Klavier brilliert hatte, notierte die Fürstin im Tagebuch: "Das letzte Stück war das Ave Maria, was alle zu Tränen rührte und ihn selbst so ergriff, dass er sich einen Augenblick entfernen musste."

Stürmische Demonstrationen der Zustimmung und Ablehnung erlebten und erleben Schloss und Konzertsäle und die Parks dieses Schwarzwaldidylls seit 1921, da sich dort bis heute an einem Wochenende im Herbst die musikalische Avantgarde trifft. Zu Hindemiths, Schönbergs und Weberns Zeiten hießen die heutigen Musiktage noch "Donaueschinger Kammermusikaufführungen zur Förderung zeitgenössischer Tonkunst", und 1923 widmete Paul Hindemith dem Fürsten eine Komposition mit den Worten "ein alter Donauquellennipper schießt zu des Fürsten 60. Geburtstag an Stelle des üblichen Saluts mit diesen kleinen Canons".

Und der Komponist Ernst Krenek erinnert sich in seinen Memoiren eines großen Abendempfanges im Park des fürstenbergischen Schlosses. Dabei saß Hindemiths Amar Quartett auf einem Podium im Geäst eines riesigen alten Baumes. "Dort bearbeiteten sie ein Streichquartett von Mozart, das man für passend und stimmungsvoll hielt. Die Gäste bekamen alle einen Kupferstich von der denkwürdigen Szene als Souvenir. Außerdem wurden wir mit dem Zug zur nahe gelegenen Benediktinerabtei Beuron gebracht, wo wir vermutlich authentischen, schön vorgetragenen Gregorianischen Gesang hörten. Da der Ausflug am frühen Morgen begann, war ich wegen unserer nächtlichen Zecherei im Kurhaus nicht sehr aufnahmefähig. Zudem war ich törichterweise zu sehr an Modernität um jeden Preis orientiert, als dass ich eine derartig "veraltete" Musik hätte würdigen können, zumal sie auch noch von einem so "altmodischen" Verein wie katholischen Mönchen dargeboten wurde. Ich hätte es besser wissen müssen, aber um das zu erkennen, brauchte ich noch viele Jahre."

Der Choralgesang der Beuroner Benediktiner ist immer noch vorbildlich, und auch in vielen anderen Donauklöstern, diesen geistigen und geistlichen Staustufen und Energiespeichern, wird diese Kunst hochgehalten. Im bayerischen Nieder Altaich werden seit langem auch die Gesänge der ostkirchlichen Liturgie gepflegt, wie sie erst wieder viel weiter unten in den orthodoxen Kirchen und Klöstern der Wojwodina, Serbiens, Bulgariens und Rumäniens ertönen.

Wir sind jedoch erst in Ulm angelangt. Dort erzählt man noch Geschichten davon, wie der junge Herbert von Karajan am kleinen Stadttheater große Oper machen wollte und mit dem Fahrrad die einzelnen Musiker zu Sonderproben geholt hat. Und weiter donauabwärts könnte uns ein Konzert der Regensburger Domspatzen aufhalten oder das Klanggewitter der größten Kirchenorgel der Welt im Passauer Dom. Auch Anton Bruckner hat auf ihr gespielt. Seiner gedenken wir im bescheidenen Brucknerzimmer im Augustinerchorherrenstift St. Florian. Noch näher an der Donau liegt sein Geburtsort Ansfelden. 1837 nach dem Tode des Vaters wurde der Bauernbub als Chorknabe ins Stift geschickt. Dort erhielt er seine erste musikalische Ausbildung, und später kehrte er als Lehrer und Organist zurück. Sein letzter Wunsch, in St. Florian begraben zu werden, ging in Erfüllung: er ruht in einem Marmorsarg in der Gruft der Pröbste auf der Höhe des Spieltisches seiner geliebten Orgel. Und manche Ländlerpassage seiner Symphonien hat er unmittelbar aus der bäuerlichen oberösterreichischen Donaulandschaft geschöpft.

Ein Jahr, bevor der kleine Bruckner in das Konvikt kam, hatte sich in Wien ein ehemaliger Novize aus St. Florian, Johann Mayrhofer, im Alter von 48 Jahren aus dem Fenster eines Amtsgebäudes auf die Straße gestürzt. Der liberale Dichter suchte, verzweifelt darüber, dass er sein Leben als Zensurbeamter fristen musste, den Tod. Er war einer der besten Freunde Franz Schuberts. Und dieser vertonte viele seiner Gedichte: "Zum Donaustrom, zur Kaiserstadt geh' ich in Bangigkeit: Denn was das Leben Schönes hat, entschwindet weit und weit..." weiters unter dem Titel "Auf der Donau": "Auf der Wellen Spiegel schwimmt der Kahn, alte Burgen ragen himmelan, Tannenwälder rauschen geistergleich, und das Herz im Busen wird uns weich..." Aber bei aller Stromseligkeit tauchen im Hintergrund wie in Schuberts Melodien auch in den Texten Mayrhofers die Schatten der Angst auf: " ...und im kleinen Kahne wird uns bang, Wellen drohn wie Zeiten Untergang."

Der Tod saß schon auf dem Kutschbock, als an einem nasskalten Dezembertag des Jahres 1826 Ludwig van Beethoven vergrämt, von Fieberfrösten gebeutelt, in einem offenen Milchwagen die Donau entlang nach Wien fuhr. Er hatte ein paar Wochen auf dem Schlösschen seines Bruders Johann in Gneixendorf nahe bei Krems verbracht. Die Leute erzählten später, dass sogar die Ochsen gescheut hätten, wenn der taube Meister gestikulierend, singend, den Takt schlagend und alles mögliche Zeug brummend durch die Felder gestreift sei. Auf der Rückfahrt nach Wien holte er sich eine Lungenentzündung, die ihn zusammenbrechen und noch drei Monate hinsiechen ließ, bis er an einer Leberzirrhose starb.

Im benachbarten Stein an der Donau wurde 1800 der Mann geboren, der in die Unsterblichkeit Mozarts Ordnung gebracht hat: Ludwig Ritter von Köchel, Jurist, Naturforscher und Musikschriftsteller, der Vater des Köchelverzeichnisses, des Kataloges der Mozartwerke.

Und dann sind wir in Wien, dem Zentrum eines Donauimperiums, lange auch musikalische Hauptstadt der Welt. Ein Vielerlei von Verbindungen und Verknüpfungen, die Donau hinauf und die Donau hinab, ging von Wien aus. Ungarische Magnaten entschuldigten sich für die soziale Rückständigkeit ihrer Heimat, indem sie sich in Wiener Salons als Mäzene aufspielten oder hungrige Musikanten an die feudalen Mittagstafeln ihrer Schlösser nahmen. Die Komponisten bedankten sich für die magyarische Gastfreundschaft, indem sie ungarische Weisen und Zigeunermelodien in Menuett Trios, Scherzos und Tanzstücken verarbeiteten so wie früher einmal nach der überwundenen osmanischen Bedrohung die Piecen à la turca mit viel Blech und Tschimbum die mondäne Welt erfreut hatten. Der Namen ungarischer Adelsgeschlechter, die ihren Ruhm durch die Unterstützung von Komponisten mehrten, sind viele.

Keiner ist mit größeren Lettern in die Musikgeschichte geschrieben als der der Fürsten Esterházy. Nur wenige Kilometer von den Römerruinen der Donaulimesstadt Carnuntum hat sich Josef Haydns Geburtshaus in Rohrau erhalten wie eine strohgedeckte ländliche Idylle aus den bukolischen Bereichen der "Schöpfung". Aus der klaren und bescheidenen Fürstlichkeit dieses bäuerlichen Domizils mit seinen schlichten, weißgekalkten und weinumrankten Arkaden wuchs der Wagnerssohn in das fürstliche Luxusambiente des ungarischen Palatins hinein.

Zu den Stationen vor Esterházy gehörten die Volksschulzeit in der Donaustadt Hainburg und die Jahre als Chorknabe bei den Vorläufern der Wiener Sängerknaben. Doch dass es diesen Haydn überhaupt gegeben hat, ist nur einer glücklichen Fügung zu verdanken. 1683 hatten die tatarischen Streifscharen der türkischen Armee Kara Mustaphas in einem fürchterlichen Blutbad fast die gesamte Einwohnerschaft Hainburgs ausgerottet. Nur eine Familie überlebte, versteckt in einem Kamin, einer von denen, die davonkamen, wurde Haydns Großvater. Vor ein paar Jahren stand das Haus noch. Und als ich dort mit einem Kamerateam anklopfte, öffneten mir freundliche Türken. Das Haus diente nun als Gastarbeiterquartier.

Ein Graf Esterházy hatte Franz Schubert als Klavierlehrer für die Sommermonate auf Schloss Zelesz in Oberungarn, pardon, in der Slowakei, nicht weit von der Donau, engagiert, und Schubert verliebte sich in Komtesse Karoline und die in Zelesz entstandenen überaus langen vierhändigen ungarisch gefärbten Marschstücke lassen erahnen, wie der Komponist beim gemeinsamen Spiel die Nähe der Angebeteten gesucht und gefühlt hatte.

Und in Pressburg stoßen wir neuerlich auf Liszt. Sein Vater, Rentmeister der Esterházyschen Schäferei in dem burgenländischen Dörfchen Raiding, spielte in der fürstlichen Kapelle als begabter Dilettant Cello. Und nach dem ersten größeren Konzert des neunjährigen Wunderkindes Franz im Pressburger Esterházy Palais im November 1820 rühmte die lokale Zeitung " die außerordentliche Fertigkeit dieses Künstlers, sowie auch dessen schnellen Überblick im Lesen der schwersten Stücke, indem er alles, was man ihm vorlegte vom Blatt spielte." Er habe höchste Bewunderung erregt und berechtige zu den herrlichsten Erwartungen.

Nur weil der in Pressburg geborene Weimarer Hofkapellmeister Johann Nepomuk Hummel so hohe finanzielle Forderungen stellte, wurde Franz Liszt nicht zu ihm in die Lehre gegeben. Noch eine Komponistenwiege stand am slowakischen Donauufer, in Komárno, der früheren ungarischen Festung Komorn. Eine Gedenktafel weist ein bescheidenes Bürgerhaus als Geburtsstätte Franz Lehars aus der Vater hatte damals für einige Zeit als Militärkapellmeister hinter den Wällen der Donaubastion Dienst getan.

Von den tiefsinnigen Donauspaziergängen eines jungen ersten Kapellmeisters des Preßburger Stadttheaters namens Bruno Walter lesen wir in dessen Erinnerungen: " Am Strom entlang, unter dem hügelauf liegenden Pressburg, zogen sich die Donauauen, weithin gestreckte Wiesen, von schönem Baumbestand unterbrochen, mit welligen Wegen, auf denen ich spät nachmittags, abends, manchmal auch nachts grübelnd zu wandern liebte. Aber gegen Abend schlichen vom Fluss her Nebel über die Auen, und aus den Nebeln zog Schwermut in mein Gemüt..."

Auch vom späteren Freund und Förderer Walters, von dem 19jährigen Gustav Mahler, haben wir aus dem Sommer 1879, als er auf einem ungarischen Adelsgut Klavier unterrichtete, ein romantisches Donaubild: "Wenn ich des Abends hinausgehe auf die Heide und einen Lindenbaum, der dort einsam steht, ersteige, und ich sehe von dem Wipfel meines Freundes in die Welt hinaus: vor meinen Augen zieht die Donau ihren altgewohnten Gang, und in ihren Wellen flackert die Glut der untergehenden Sonne; hinter mir im Dorfe klingen die Abendglocken zusammen, die ein freundlicher Lufthauch zu mir hinüber trägt, und die Zweige des Baumes schaukeln im Wind hin und her... Überall Ruhe! Heiligste Ruhe!" Eine Briefzitat, das sich ohne weiteres einer der großen Naturschilderungen in Mahlers Symphonien unterlegen ließe.

Im Donauknie fesselt uns dann die mit dem Petersdom konkurriernde überdimensionale Kuppel des Stefans Domes von Gran oder Esztergom, dem Sitz des Primas von Ungarn das auf einem Burgfelsen über der Donau aufgetürmte steinerne Credo des ungarischen Katholizismus. Als die Kathedrale 1856 eingeweiht wurde, erscholl der Posaunen und Paukenjubel der "Graner Messe" von Franz Liszt. Die Magyaren feierten Liszt, der Ehrengast, Österreichs Kaiser und Ungarns König Franz Joseph I. war jedoch sanft entschlummert, und in einem Hofprotokoll wurde der Stab über den Komponisten gebrochen: "Seine Majestät haben geruht, im Hohen Dome zu Gran an der Aufführung einer Hohen Messe des Herrn Franz Liszt teilzunehmen. Man ist allerhöchstderoselbst der Auffassung, dass dieses Werk keine Tiefe und keine festlichen Glanz besitzt. Es ist nicht zu empfehlen, dass man dieses Werk auch andernorts zu Veranstaltungen aufführe, an welchen Seine Majestät geruht, allerhöchstderoselbst oder seine Hohe Familie teilzunehmen." Trotz dieser herben Kritik wurde Seine Majestät allerhöchstderoselbst 1867, bei der Krönung in Budapest mit der von Liszt auf Bestellung der ungarischen Magnaten für diesen Anlass komponierte Krönungsmesse beglückt.

Budapest, dank seiner Lage, die Donaumetropole ohne Konkurrenz, würde noch manche klingende Stromgeschichte oder Anekdote hergeben.

Auf eine der kuriosesten und lebendigsten Spuren donauländischer Musik Kommunikation sind wir jedoch im Dorf Diosd, nicht weit von der Stadt, nicht weit vom Strom, gestoßen. Ein paar Leute sitzen bei naturbelassenem trüben Eigenbauwein in einem gemütlichen Vorgärtchen. Einer lässt die Finger über die Tastatur einer Ziehharmonika gleiten, und eine ältere Frau mit hoher Stirn und tiefliegenden Augen sagt: "Wenn wir als Kinder gar zu eigensinnig waren und nicht gefolgt haben, dann hat der Vater geschimpft: ,Du mit deinem Beethovenschädel...' Welche Beziehungen die Familie Toth, es sind deutsch sprechende Donauschwaben, zu Beethoven hat? Der Familienchef liefert ohne Zögern eine überraschende Erklärung: "Wir stammen von Beethoven ab. So hat man es hier immer schon erzählt, und so wird's wohl sein. Wir waren auch immer gute Musikanten, die Toth Banda hat bei jeder Hochzeit aufgespielt."

Ein Taufbuch, das diese kühnen Behauptung untermauert, fehlt allerdings. Aber die Familie Toth leitet ihre Beethovenverwandtschaft von dessen mehrmaligem Aufenthalt auf dem nahen Brunswik Schloss Martonvasar ab. Beethoven schwärmte für die beiden Schwestern des Grafen. Für Therese und für Josephine. Mit der jüngeren der beiden hat er auch leidenschaftliche Briefe ausgetauscht: "Tausend Stimmen flüstern mir immer zu, dass Sie meine einzige Freundin, meine einzige Geliebte sind ich vermag es nicht mehr zu halten, was ich mir selbst auferlegt, o liebe Josephine, lassen Sie uns unbekümmert auf jenem Wege wandeln, worauf wir oft so glücklich waren."

Im Volk geht nun die Legende um, dass eine der Brunswik Komtessen ein Kind Beethovens zur Welt gebracht habe. Das Baby sei einer Gärtnerin in Pflege gegeben worden. Und auch später habe man sich im Schloss diskret um die Versorgung des angeblichen Beethoven Sprösslings gekümmert. Sein Ziehvater soll ihm dann auf dem Totenbett eröffnet haben, wer sein wirklicher Vater war. Die gräfliche Familie weigerte sich jedoch, ihn anzuerkennen. Dafür haben die Toth in der ganzen Gegen ihren Beethoven Ruf. Und sie pflegen diesen Kult auch ein wenig, obwohl sie keinerlei dokumentarische Beweise haben.

Südlich von Budapest wird die Donau dann mehr und mehr zum Gegenstand der Folklore, die Zigeunerkapellen sind allgegenwärtig, in den ungarischen Tanzhäusern hat die Jugend durch die Rückkehr zur authentischen Volksmusik mit all ihrer Spröde noch in kommunistischen Zeiten eine Art Gegenkultur gebildet, und im Restaurant Srbia in Kladovo am Djerdap, am Eisernen Tor, hörte ich vor Jahren einen Burschen und ein Mädchen wehmütig singen und summen: "Donau, Donau, du hast mein Herz genommen. Ich bin die ganze Donau gefahren, aber in den Schluchten des Djerdap bin ich hängen geblieben..."

Das ungeheure Reichtum des Fidelns, Zupfens, Dudeln, Blasen und Singens in den Bergen und Ebenen an beiden Donauufern wurde auch von vielen klassischen Komponisten ausgebeutet. Bartok und Kodaly zogen mit primitiven Aufnahmegeräten über die Lande, sammelten Melodien und Rhythmen, und bearbeiteten sie zum Teil oder verwendeten einzelne Motive in ihren Werken. Der große rumänische Komponist und Geiger George Enescu hat zwar seine musikalische Ausbildung in Wien und Paris erhalten, aber auch er fand immer wieder zurück zu den Wurzeln., und schöpfte aus dem musikalischen Schatz des Vielvölkergemisches seiner Heimat.

Am bulgarischen Donauufer mahnt die Reisenden das stattliche Opernhaus in Russe an die hohe Gesangstradition dieses Landes. Welch wunderbare Stimmen hat uns Bulgarien doch geschenkt... Die älteren Opernfans schwärmen noch von der unvergesslichen "Salome" Ljuba Welitschs, einen Nikolai Ghiaurov konnte man vor gar nicht so langer Zeit in Wien als erschütternd berührenden König Philipp in Verdis "Don Carlo" bejubeln, und inzwischen hat Vesselina Kasarova den Weg zum Weltstar gemacht. Gerät man in einer der Donaustädte in einen orthodoxen Gottesdienst, dann ist man an der Quelle dieses wunderbaren Singens.

Doch werfen wir noch einen Blick auf die Mauern des Kale Megdan, der Festung hoch über Donau und Save. Eines der weitest verbreiteten Soldatenlieder ist zu Füßen des türkischen Bollwerkes entstanden "Prinz Eugenius, der edle Ritter" .. ein gesungener Kriegsbericht ,eine recht realistische und genau Chronik der Belagerung und Eroberung Belgrads durch Prinz Eugen von Savoyen im Sommer 1717. Da heisst es ja... "wollt dem Kaiser wiedrum kriegen Stadt und Festung Belgerad." Dann kommt die Donau ins Spiel: " Er ließ schlagen eine Brucken, dass man konnt' hinüber rucken, mit d'r Armee wohl vor die Stadt." Und diese entscheidende Operation im feindlichen Feuer ist dem Savoyer bestens gelungen. Die Soldaten in seinem Feldlager hatten also allen Grund zum singen. Darum dürfte diese unsterbliche Weise auch an Ort und Stelle entstanden sein. Auf Grund mancher süddeutscher Rhythmen und Taktanordnungen und gewisser Dialektanklänge im Text suchen die Musikwissenschafter den anonymen Autor im bayerischen Kontingent des kaiserlichen Heeres. Die älteste Aufzeichnung findet sich in einem handgeschriebenen Liederbuch aus dem Jahr 1719 in der Stadtbibliothek Leipzig.

In friedlicheren Zeiten kann es einem überall am Balkan passieren, dass selbst die erbärmlichste Wirtshausmusik angesichts einer Wiener Autonummer gleich den Donauwalzer anstimmte, manchmal mehr krächzend als schmachtend, und eher stockend als wogend.

"Der Walzer war wahrhaft prachtvoll, voll hüpfender Melodien, welche den Lippen der Sänger einem kristallhellen Bergquell gleich entströmten, und deren dahinfließenden Tonwellen die humoristischen Lichter des gelungenen Textes zauberhaft färbten." So schwärmte das Wiener "Fremdenblatt" nach der Sternstunde der Uraufführung des "Donauwalzers" bei einer Faschings Liedertafel des Wiener Männergesangsvereines im Dianasaal am 15.Februar 1867.

Als Johann Strauß das Anfangsmotiv irgendwann einmal eingefallen war, hatte er es sich auf seine Manschetten notiert, und später gab er dem Opus 314 schließlich den Titel "An der schönen blauen Donau" mit auf die Reise zum Welterfolg. Bei der Premiere in schweren Zeiten der Schock der Königgrätz Katastrophe war noch nicht verdaut, Inflation bedrohte das Ersparte und die Politiker rangen um den Ausgleich mit Ungarn sollte ein eher dümmlicher, optimistischer "Wiener seid froh" Text zur allgemeinen Stimmungsverbesserung beitragen.

"Donau, so blau..." dichtete erst 1890 Franz von Gernerth dazu. Auf welche natur-wissenschaftliche Beobachtungen ist aber nun die Strauß'sche "Blaue Donau" gegründet? Schon der Satiriker Daniel Spitzer, der "Wiener Spaziergänger", nahm den populären Strauß Titel nicht ernst: "So will ich denn nun wieder an der ,schönen, blauen Donau' spazieren gehen, wie der Herr Hofkapellmeister Johann Strauß die schleichenden Sumpfgewässer des Donaukanals mit seinem neuesten Walzer in feiner Ironie genannt hat."

Viele Straußforscher sehen in dem aus der südungarischen Donaustadt Baja stammenden Poeten Carl Isidor Beck den Blaufärber der Donau. Möglicherweise hat der Komponist Becks damals recht populären, eher sterblichen Verse gekannt: "Ist das der Segen des Donaustrandes? O blaues Auge meines Vaterlandes, voll deutscher Treu und Janitscharenglut, sei mir gegrüßt, du schwärmerische Flut!" oder "An der schönen blauen Donau liegt mein Dörfchen still und fein..."

Der Wiener Dirigent und Straußspezialist Max Schönherr zitiert jedoch eine Statistik aus dem Jahre 1935, die besagt, dass die Donau an sechs Tagen braun, an 55 lehmgelb, an 38 schmutziggrün, an 49 hellgrün, an 47 grasgrün, an 24 stahlgrün, an 109 smaragdgrün und an 37 dunkelgrün war. Haben sich damit also Beck wie Strauß den Ruf der Farbenblindheit erworben? Nun, in Baja könnte die Donau wohl einmal als blau angesehen worden sein, im Gegensatz zur Theiß, die wegen ihres hellen Schwemmsandes von den Ungarn als "blond" betrachtet wird. Heute sind da unten beide Flüsse schmutzigbraun, lehmige Gewässer, in denen ab und zu das Regenbogenglitzern von Ölflecken Schönheit vortäuscht. Nur dann und wann, irgendwo an der Donau, es kann auch an einem klaren Herbst oder Wintermorgen an den Ufern nahe von Wien sein, wenn die Sonne günstig steht und die Farbe des Himmels stimmt und der Beschauer eine gewisse romantische Einstellung mitbringt, dann mag sich das Wunder ereignen, dass die Donau plötzlich einen bläulichen Glanz ausstrahlt so wie ihn Walzerkönige, Naturschwärmer und Träumer gerne haben möchten.

Wien, im April 2004

 
< Prev   Next >