| 2007 - Donau: Straße der Könige |
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von Ernst Trost
März 2007 „Am 1.November mit der Bahn eingetroffen in Baja. Wir blieben bei der großen Brücke stehen, wo eine Treppe hinunterführte. Unten stand der englische Monitor „Glowworm“. Wir schritten über die Brücke. Dreiviertel Stunden später war das Schiff abfahrtsbereit…“ Es war der letzte Weg eines gekrönten ungarischen Königs auf magyarischem Boden, bei Stromkilometer 1479, 170 Kilometer von Budapest. Karl I. Kaiser von Österreich, und als Ungarns König Karl IV., musste im Herbst 1921 nach dem zweiten gescheiterten Versuch einer Rückkehr auf den Thron mit seiner Gemahlin Zita unter militärischer Bewachung auf dem britischen Kanonenboot die Fahrt ins Exil antreten. Den historischen Abschiedsmoment hat Zita in ihrem Tagebuch geschildert: „Nun fuhr das Schiff langsam weg, die drei Ententeoffiziere salutierten, der Kaiser ebenfalls.“ Der Kapitän nahm Karl das Ehrenwort ab, keinen Fluchtversuch zu unternehmen. Schließlich notierte Zita noch: „ Wir soupierten mit Kapitän Snagge und gingen früh zur Ruhe.“ Die Donau als Ort der Geschichte, eine Wasserstrasse, auf der die Macht fließt, und manchmal auch davonfließt. Sie hat Kaiser, Könige und Kronen transportiert, Reiche begrenzt, Heers- und Völkerzügen die Richtung gewiesen, und den Herrschern als Verkehrsweg und in ihrem Handeln oft als Orientierungshilfe gedient. Sie gab einem Imperium den Namen – Donaumonarchie. Und ihr Lauf war mit dem Lebenslauf so manches Monarchen eng verbunden. So bedeutete die Donau für Kaiser Karl Anfang und Ende. Auf Schloss Persenbeug in Niederösterreich direkt über dem Strom wurde er 1887 geboren. 1045 hätte am selben Ort der deutsche Kaiser Heinrich II. beinahe den Tod gefunden, als bei einem festlichen Gelage der Fussboden des Rittersaales einbrach. Und nicht weit von dem Schloss, auf der Donau bei Pöchlarn spielte in einer Gewitternacht im Juni 1914 der letzte Akt des Sarajewo-Dramas. Auf Karl war ja die Thronfolge erst durch den Tod seines Onkels, des Erzherzogs Franz Ferdinand bei dem Attentat in der bosnischen Hauptstadt gefallen. Zur Bestattung in der Familiengruft in Artstetten mussten die Särge Franz Ferdinands und seiner Gemahlin Sophie von Hohenberg mit der Fähre über die Donau geschifft werden. Dabei schien ein fürchterliches Unwetter alles Unheil anzukündigen, das sich nun über Europa zusammenbraute. Der Bericht des Fährmanns zeugt davon: „Die Rösser haben sich wild aufgebäumt, und der Leichenwagen hat einen Ruck nach hinten gemacht. Ich hab’ fast das Steuer ausgelassen, die Leute sind den Pferden in die Zügel gefallen und haben sich gegen das Fuhrwerk gestemmt, sonst wären Wagen und Pferde und wir alle in die Donau gefallen und nimmer herausgekommen. Und wenn ich hundert Jahre alt werd’, die Nacht kann ich nicht vergessen…“ In den Kriegsstürmen ging vier Jahre später das Habsburgerreich unter. Kaiser Karl wurde 1918 abgesetzt und mit seiner Familie nach Eckartsau verbannt, einem Marchfeldschloss, in dem Kronprinz Rudolf und Franz Ferdinand gerne bei Jagden in den Donauauen Quartier genommen hatten. Und gleich in der Nähe ist der Bahnhof von Kopfstetten, die Endstation der 700jährigen Habsburger Herrschaft. Dort bestieg der Kaiser am 23.März 1919 den Zug ins Schweizer Exil. In dieser weiten Donaulandschaft, die sich bereits dem Osten hingibt und die Steppe probt, legte Rudolf I. 1278 durch seinen Sieg bei Jedenspeigen und Dürnkrut über Ottokar von Böhmen den Grundstein für die habsburgische Hausmacht an der Donau. Den Strom entlang war er auch vorgerückt, wie einst die Babenberger, die in Etappen über Enns, Melk, Tulln und Klosterneuburg schliesslich nach Wien gelangten und dort ihre Residenz aufschlugen. Als Kreuzfahrer wählten die Babenberger Markgrafen und später Herzöge an der Seite deutscher Kaiser ebenfalls die Donauroute in Richtung Heiliges Land. Nun musste sich der 1271 zum römisch-deutschen König gekrönte Rudolf I. das Babenberger Erbe erstreiten, und vor der Entscheidungsschlacht gegen seinen böhmischen Rivalen setzte er mit seinem Heer bei Hainburg über die Donau. Von Anfang an hat die Donau in ihrem Magnetfeld historische Kräfte angezogen, gebunden, verformt und verschoben. Wenn an dem Strom immer wieder neue Zentren entstanden und er oft zu einer politischen Leitlinie wurde, dann war das kein geographischer Zufall. Denn eine so gewaltige Wasserader quer durch Europa, die so unterschiedliche Länder miteinander verbindet, nimmt nicht nur durch ihren Fluss Einfluss auf Machtverhältnisse, ökonomische Entwicklungen und strategische Planungen. Der Donauschlachten sind unzählige, wann und wo und wie man den Strom überquerte, entschied manchmal über Glück und Verderben, Sieg und Niederlage von Kaisern, Königen und Sultanen. oft und oft fanden sich gekrönte und ungekrönte Häupter an den Gestaden der Donau ein, um über das Geschick des Kontinents zu entscheiden. Die obere Donau spiegelt heute noch die wundersame Vielfalt des Heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Bis 1806 hat es bestanden, doch sein kleinstädterischer und kleinstaatlerischer Residenzgeist blieb noch lange danach lebendig. Von der Quelle bis nach Ulm hörte und hört fast jeder Ort auf eine andere Autorität. Die Quelle in Donaueschingen ist fürstlich-fürstenbergisch. In Sigmaringen sitzt die katholische Hohenzollernlinie. Und von dort hatten sich die Rumänen ihre Königsfamilie als monarchische Gastarbeiter geholt. Die Hausmacht der Turn und Taxis ist in Regensburg daheim. Die ganze obere Donau wird zum Schaufenster für den buntscheckigen Fleckerlteppich des alten Reiches: fürstliche und gräfliche Domänen mit Hofapotheken, Hofkonditoreien und Hofuhrmachern, als ob die Zeit stehen geblieben sei. Daneben Klosterbesitzungen und Kirchengrund, der stolzer Geist der freien Reichsstadt Ulm, und unter vergoldeten Doppeladlern ein Hauch von Wien und Österreich in ehemals habsburgischen Städtchen wie Riedlingen oder Günzburg, dann bayerisches Selbstbewusstsein in der Festung Ingolstadt, das Renaissancewunder eines früh verblichenen wittelsbachschen Fürstengeschlechtes in Neuburg, wo Pfalzgraf Ottheinrich eine ganze Stadt als Denkmal hinterlassen hat, und schließlich Regensburg neben der geistlichen Donauregentin Passau lange Zeit die weltliche Metropole des oberen Donauraumes, unter den Frankenkönigen sogar vorübergehend so etwas wie Deutschlands erste Hauptstadt. Karl der Grosse war der erste, der zu einer Reichsversammlung nach Regensburg rief, und in den folgenden Jahrhunderten wurden die hohen Herren des Reiches mehr als sechzig- oder siebzigmal vom Kaiser in die Donaustadt zitiert. Und bei dem zwischen 1663 und 1806 dort etablierten „Immerwährenden Reichstag“ sind sich die Historiker nicht ganz einig darüber, ob das nun der erste Versuch eines gesamtdeutschen Parlaments oder nur der Triumph der kaiserlichen Bürokraten über die Stände, also den Adel, die Kirchenfürsten, die Reichsstädte usw. war. Zu den „Standortvorteilen“, die Regensburg für die Herrscher und deren hochgestellten Lehensleute und Untertanen so anziehend machten, zählte die heute noch benutzte Steinerne Brücke. Zwischen 1135 und 1146 hatte sie der Welfenherzog Heinrich der Stolze als erste nicht aus Holz gefertigte Donaubrücke seit Trajans Tagen erbauen lassen. So wurde Regensburg zum Kreuzungspunkt zwischen West und Ost und Nord und Süd, ein idealer Sammelplatz deutscher Fürsten, vor allem, wenn der Kaiser von ihnen Geld für seine Kriegszüge brauchte. „Der Kaiser und seine Pfaffen sind fröhlich, sie bankettieren und tanzen, als ob keine Not vorhanden sei…“ schrieb ein protestantischer Beobachter, als Kaiser Karl V. 1546 Ärger und Zweifel über den religiösen Zwiespalt unter den Deutschen in den Armen des Regensburger Bürgermädchens Barbara Blomberg vergaß und dabei Don Juan d’Austria zeugte, den späteren Türkenbesieger in der Seeschlacht von Lepanto. Vielleicht entspannte und vergnügte sich der Habsburger auch im Kaiserbad, das der Regensburger Ratsherr, Stadtarchitekt und Großmeister der Donauschule, Albrecht Altdorfer mit sinnlich-üppigen Fresken ausgestaltet hatte. Kaiser Karls Neffe, Kaiser Maximilian II. ist 1576 während des Reichstages in Regensburg an einem Herzleiden gestorben. Bei dem von 1663 bis 1806 bestehenden „ Immerwährenden Reichstag“ ließen sich die Kaiser durch ihre ständigen Gesandten vertreten. Mit dem Massenansturm von tausenden von Gästen bei dieser repräsentativsten Zusammenkunft des Reiches war es vorbei. Und aller Glanz lag nun nur noch auf Wien, der habsburgischen Residenz, der Kaiserstadt an der Donau. Der Strom blieb die für die kaiserliche Familie die wichtigste Strasse. Als sich die Türken 1683 Wien näherten, flüchtete Kaiser Leopold I. nach Passau und nahm Quartier im Bischofspalais. Dort, im heutigen Landgericht, kam es auch zu der schicksalhaften Begegnung mit einem anderen Flüchtling, Prinz Eugen von Savoyen. Weil Ludwig XIV. den kleingewachsenen Edelmann als Offizier ablehnte, hatte der 20jährige Frankreich heimlich verlassen, um dem Kaiser seine Dienste anzubieten. Bei der Befreiung des von den Türken belagerten Wiens konnte Eugen bereits mitkämpfen. Später wurde der Donauraum durch sein Feldherrengenie und seinen scharfen politischen Verstand grundlegend verändert. Und keine einzelne Persönlichkeit hatte wesentlicheren Anteil am Entstehen der neuen barocken habsburgischen Großmacht als der Savoyer. Kaiser Leopold I. pilgerte jedoch in Stunden der Verzweiflung hinauf nach Maria Hilf, hoch über dem Inn, und betete für seine bedrängte Stadt, sein Land und sein Volk. Nachdem die Türken geschlagen waren, stiftete er einige Beutewaffen, die in der Wallfahrtskirche aufgehängt sind. Von da oben hat man einen schönen Blick auf die Mündung des Inns in die Donau und auf das Nonnenkloster Niedernburg. Hier hatte Ungarns erste Königin, Gisela, die Schwester Kaiser Heinrich II. bis zu ihrem Tode 1060 als Äbtissin gewirkt. Nachdem ihr Gemahl, der heilige König Stefan I. 1038 gestorben war, hatte sie sieben Jahre danach in ihre bayerische Heimat flüchten müssen. Die Ungarn verehren sie jedoch und pilgern bis heute zum Grab der Deutschen. Den schlichten gotischen Sarkophag schmücken Kränze und Blumen mit rotweissgrünen Schleifen und magyarischen Aufschriften. Bei der Christianisierung Ungarns hat Gisela an der Seite Stefans eine entscheidende Rolle gespielt. Und mit ihr lässt sich die Brücke schlagen zur einer wahren „Donaukrone“, der Stefanskrone, die Ende des Jahres 1000 der Papst selber dem ersten christlichen Magyarenherrscher übersandt haben soll. Für die Ungarn war und ist die Krone heilig. Und jeglicher Machtanspruch in ihrem Lande ist an den Besitz der Krone gebunden. Darum waren auch die Kommunisten überaus glücklich, als ihnen die Amerikaner 1978 die am Ende des zweiten Weltkrieges außer Landes gebrachte „Szentkorona“ wieder nach Budapest zurück schickten. Dieses kostbarste Nationalsymbol ist heute im Nationalmuseum zu bewundern. In der Burg von Esztergom oder Gran hoch über dem Strom ist Stefan damit vermutlich am Weihnachtstag 1000 oder 1001 gekrönt worden. Die Archäologen haben Teile der Burg ausgegraben, in denen Stefan mit Gisela zeitweise gelebt hat. Und hier ist er auch gestorben. Fast ein halbes Jahrhundert später, im Winter 1457, als die Krone während eines Nachfolgestreites auf abenteuerlichen Wegen von der Burg Visegrad im Donauknie nach Wien geschmuggelt werden sollte, drohte der Schlitten mit der in einem Kissen versteckten Krone bei Komorn während der Fahrt über die zugefrorene Donau plötzlich zu versinken. Das Eis krachte und brach zum Teil ein. Irgendwie schaffte man es doch noch unter dem Verlust einiger Gepäcksstücke. 1462 zahlte dann der legendäre Renaissance-König Matthias Corvinus dem Habsburger Kaiser Friedrich III. 60.000 Golddukaten für die Rückgabe der Krone. Bis sich die Türken nach der Schlacht von Mohacs 1526 in zähem Vormarsch zwei Drittel Ungarns unterwarfen, wurde sie in der Burg von Ofen aufgewahrt. Die letzten Spuren königlicher Prunkentfaltung erschaut der aufmerksame Donaufahrer jedoch in Visegrad. Dort hatte Matthias ein viel gepriesenes Lustschloss mit Prachtgärten nach italienischem Vorbild anlegen lassen. Die Türken verwüsteten dieses Paradies so gründlich, dass später die Berichte der bewundernden Zeitgenossen bezweifelt wurden, und erst im vorigen Jahrhundert wurden die Reste der Anlagen ausgegraben. Und heute ist das leuchtende Rot des marmornen Brunnens, an dem Matthias und seine Höflinge ihren Durst gestillt haben, zumindest mit einem Fernglas vom Schiff aus zu sehen. Die nächste Heimstätte der Stefanskrone war wieder eine Donaustadt – Pressburg, ungarisch Pozsony, slowakisch Bratislava. Die Kroninsignien befanden sich nun dort in der Burg in Sicherheit vor den Türken. 1563 war Maximilian II. der erste Habsburger, dem im Pressburger Martinsdom der Primas von Ungarn die Krone aufs Haupt drückte. Bis 1830 holten sich noch zehn Könige und sechs Königinnen hier die Insignien ihrer Macht ab. Am nächsten stand Maria Theresia den Herzen der Pressburger. Das pompöse Krönungsspektakel und die Volksmassen die sich hier drängten und auf Dächer und Bäume kletterten, schildern am anschaulichsten die Gemälde in der ungarischen Botschaft in der Wiener Bankgasse , im Palais der ehemaligen Ungarischen Hofkanzlei. Und ein Augenzeuge dieser Zeremonie im Juli 1741 gerät ins Schwärmen. Die 24jährige Königin „war von feinem Wuchse und majestätischer Haltung. Ihr Auge, obgleich hellgrau, war ausdrucksvoll und mild .Sie war eben vom Kindbett aufgestanden, und das Matte, Schmachtende verlieh ihr neue Reize. Die Krone war ihr zu weit. Man musste sie ausfüttern. Da sie ihr zu schwer ward, legte sie sie ab, als sie sich zur Tafel setzte. Das heiße Wetter und die Bewegung dieser Feier verbreiteten eine Röte im Gesicht, die den Glanz ihrer Schönheit erhöhte. Ihre Haare fielen in weichen Locken über ihre Schusterin, und sie war ganz bezaubernd…“ Ihr Ururenkel Franz Joseph I. ließ nahe dem Donauufer, dort, wo sie hoch zu Ross auf den aus der Erde aller ungarischen Komitate aufgeschütteten Krönungshügel gesprengt war, diese Szene aus Carrara-Marmor meißeln. Als tschechische Legionäre Ende 1918 die Stadt besetzten, rissen sie die Reiterstatue mit Hilfe eines Autos nieder und zertrümmerten es. Eine anderer Pressburger Auftritt Maria Theresias sitzt jedoch unzerstörbar im historischen Gedächtnis. Bereits zwei Monate nach der Krönung erschien die Monarchin wieder in Pressburg – in Trauerkleidern und mit ihrem kleinen Sohn Josef auf dem Arm trat sie in der Burg vor die ungarischen Magnaten und flehte sie um Hilfe gegen die militärische Bedrohung ihres Erbes durch den Preussenkönig Friedrich II. an. János Graf Pálffy erinnerte sich der begeisterten Reaktion der Adeligen: „ wie von einer gemeinsamen Seele erfüllt, zogen wir unsere Säbel und schrieen: ’Vitam et sanguinem pro maiestate vostra!’ –Unser Leben und Blut für Eure Majestät!“ Wir weinten gemeinsam mit der Königin Tränen der Treue, der Liebe und Entrüstung.“ Und sie ließen für ein schlagkräftiges Heer Gold in die Kriegskasse fließen. Trotz mancher herber Niederlagen konnte sich die Kaiserin und Königin behaupten. Der Name Pressburg dient jedoch auch als Etikette für eine der schwerwiegendsten Demütigungen ihres kaiserlichen Enkels Franz I. Im Palais des ungarischen Kardinal-Primas Batthyány erinnert eine blassrote Marmortafel an den Pressburger Frieden, der hier zu Weihnachten 1805 nach Napoleons Triumph bei Austerlitz unterzeichnet worden ist. Franz I. wurde mit einem Federstrich um drei Millionen Untertanen und ein Sechstel seiner Einkünfte ärmer. Unter anderem verlor er Tirol, Venetien, Istrien und Dalmatien. Dass er einmal über Napoleon triumphieren würde, hätte er sich in der Stunde der Niederlage kaum zu träumen gewagt. In Pressburg blieben die Habsburger jedoch bis 1918 präsent. Es hat hier zwar kein König oder Kaiser auf Dauer residiert, aber Maria Theresia hatte Herzog Albert von Sachsen- Teschen, den Gemahl ihrer Lieblingstochter Marie Christine, zum Statthalter von Ungarn gemacht und die Pressburger Burg für das junge Ehepaar aufwendig renovieren lassen. Der letzte Habsburger in der Stadt war Erzherzog Friedrich, ein Vetter Kaiser Franz Joseph I.. Er hielt im Palais Grassalkowitsch Hof. Und ehrfürchtig heißt es in dem Monumentalwerk „ Die Österreichisch-Ungarische Monarchie in Wort und Bild“: „Der erzherzogliche Hofstaat verleiht dem städtischen Leben besonders bei Anlässen, die das Getriebe des Alltags in festlicher Weise erhöhen, keine geringe Anregung.“ Da das erzherzogliche Haus über eine ansehnliche Töchterschar verfügte, war Thronfolger Franz Ferdinand nach Pressburg auf Brautschau gesandt worden. Doch die schicksalhafte Anregung, die er hier erhielt, war nicht im Sinne Friedrichs und seiner zielstrebigen Gattin Isabella. Nach einem Tennismatch hatte Franz Ferdinand seine Taschenuhr liegengelassen. Und die barg ein Medaillon mit dem Bildnis der Hofdame der Erzherzogin – der Gräfin Sophie Chotek. Franz Ferdinand hatte sich in die „Falsche“ verliebt. Da sie keinem Herrscherhaus entstammte, war sie nicht ebenbürtig. So starb Sophie, nunmehr Herzogin von Hohenberg, als morganatische Gemahlin Franz Ferdinands am 28. Juni 1914 an dessen Seite durch die Mörderkugeln von Sarajewo. Der erste Weltkrieg brach aus – er wurde übrigens auf der Donau „eröffnet“. Schiffsgeschütze der Donauflotille nahmen serbische Stellungen vor Belgrad unter Feuer. Als der Krieg zu Ende war, mussten die Karten der Donauländer gründlich umgezeichnet werden. Pressburg wurde Bratislava und tschechoslowakisch. Ungarns Stefanskrone blieb den Pressburgern jedoch erhalten. Ihre Nachbildung schmückt die Turmspitze des Martinsdomes, zum Zeichen dafür, das Pozsony einstens Haupt- und Krönungsstadt der Magyaren war. Weit, weit unten am Strom, am Ende der Kataraktstrecke bei Orsova, lag eine andere Station der Stefanskrone auf ihren diversen Ortsveränderungen. Jetzt ist sie in den Fluten der aufgestauten Donau versunken. 1849, nach dem unglücklichen Ende der ungarischen Revolution hatte Lajos Kossuth mit einigen Gefährten auf der Flucht ins türkische Reich an der äußersten Grenze des damaligen Ungarns, eben hier bei Orsova am Donauufer eine Truhe mit der Krone und den anderen Insignien vergraben. Erst 1853 fand man nach systematischen Suchaktionen das Versteck. Die Krone wurde, von einer Ehrenkompanie beschützt, mit dem Kriegsdampfer "Albrecht" nach Wien verschifft. Und an der Stelle, wo die Krone vergraben war, „ hat Se. k.u.k. Apostolische Majestät im Jahre 1856 aus eigener Privatschatulle eine schöne Kapelle im gotischen Stil“ errichten lassen. Sie liegt jetzt tief unter dem ruhigen Wasserspiegel. Und mit ihr auch der kleine Kriegerfriedhof, in dem Soldaten bestattet waren, die im ersten Weltkrieg „für Kaiser und König“ gefallen sind. Als die Monarchen alle noch gute Freunde waren, hatten am 27. September 1896 Kaiser Franz Josef I., der König von Serbien Alexander I. und Karl I., der König von Rumänien in Orsova die Eröffnung des 80 Meter breiten Schifffahrtskanals durch die so gefährliche Felsbarriere des Eisernen Tores gefeiert. Anfang September 1964 trafen sich hier zwei ungekrönte Herrscher, Jugoslawiens Staatschef Tito und Rumäniens Präsident Gheorgiu-Dej auf einem Donauschiff, um den Bau des gigantischen Kraftwerkes und Dammsystems zu beschließen. Die einst so gefürchtete Strecke ist dadurch heute für die Schifffahrt gefahrlos, aber die sagen- und geschichtsträchtige Landschaft wurde gründlich verändert. Bei dem Rendezvous mit den beiden anderen königlichen Donauanrainern hatte Franz Josef die Krönung mit der Stefanskrone bereits 29 Jahre hinter sich. Und auch an diesem 8.Juni 1867 hatte die Donau als Kulisse für das wohl prunk- und farbenprächtigste Fest in der Geschichte Budas und Pests gedient. Nach dem Krönungsakt in der Matthiaskirche hoch über der „Dunja“ ritt der König in einem mittelalterlich wirkenden Festzug auf einem Schimmel über die Kettenbrücke hinüber nach Pest, mit allen Magnaten und den Bischöfen, von denen einige hoch zu Ross einen eher grotesken Eindruck machten. Vor dem Lloyd-Palast leistete der König mit der Krone am Haupt und in dem von Gisela vor fast tausend Jahren bestickten Krönungsmantel seinen Eid, die territoriale Integrität Ungarns unverletzt zu erhalten. Und danach lenkte er sein Pferd traditionsgemäß auf den Krönungshügel. Königin Elisabeth, die treibende Kraft des Versöhnungsprozesses mit den Ungarn, hatte sich inzwischen umgezogen und mit einem Dampfer die Donau überquert, um an der Zeremonie von der Tribüne aus teilzunehmen. Ob sie sich ihrer ersten Donaureise erinnert hat, ihrer Brautfahrt im Frühling 1854, als die 18jährige bayerische Prinzessin am 21.April in Straubing ein Donaudampfschiff bestieg und am Abend in Linz österreichischen Boden betrat. Franz Josef war mit einem Boot aus Wien überraschend zu ihrem Empfang gekommen. Am nächsten Morgen um 4 Uhr 30 musste der Kaiser bereits wieder aufbrechen, weil er Sissi dem Protokoll gemäß in Wien zu erwarten hatte. Für die Braut jedoch begann auf dem luxuriös ausgestatteten Raddampfer „Franz Josef“ mit seinen für die damalige Zeit sensationellen 140 PS- Maschinen eine Jubeltour, wie sie das Donautal noch nie erlebt hatte. Zehntausende Menschen säumten die Ufer. An den Schiffsstationen warteten Deputationen mit Glückwunschadressen, Chöre ließen die Prinzessin hochleben und Musikkapellen spielten den Tusch dazu. Drei Tage brauchte die Hochzeitsgesellschaft bis Nussdorf. Und die einem Triumphbogen ähnliche Empfangstribüne dort war noch um einiges glanzvoller als die zum Finale des ersten „Sissi“-Filmes dort aufgebauten Dekorationen. Wie Karl-Heinz Böhm dort Romy Schneider entgegen eilte, so war Franz Josef, bevor der Dampfer noch festgemacht hatte, an Bord gesprungen, um Sissi vor aller Augen in die Arme zu schließen. Heute werden in Nussdorf Kreuzfahrtschiffe vertäut. Kaiserlich-königliche Donau-Romanzen, die nichts von familiärer Tragik und politischen Lasten verraten. Der Strom schien die Monarchie, die sich inoffiziell seinen Namen geborgt hatte, für alle Zeiten zusammen zu halten. Und als Franz Josef 1869 auf dem Weg ins Heilige Land und nach Kairo zur Eröffnung des Suezkanals wieder einmal für die erste Etappe die Donau als bequemsten Verkehrsweg wählte, wurde er in seinen Briefen an die daheim gebliebene Elisabeth zum sehr privaten Chronisten einer solchen Schiffsreise: „An Bord des Donau Dampfschiffes Sophie den 26. Oktober 1869. Kaum abgereist von Allem getrennt, was ich auf dieser Welt liebe, ergreife ich schon die Feder, um Dir trotz der sehr störenden Bewegung der Maschine, wenigstens einige Zeilen zu schreiben. Dieser Beweis ausgezeichneten Fleißes kann Dir zugleich ein Zeichen sein, dass ich ständig an Dich denke und dass ich mich nach Dir und den lieben Kindern sehne. Ich möchte wohl noch immer lieber zu Hause sein…Auch fängt es sich eben jetzt nach einem kalten, teils neblichen, teils regnerischen Vormittag an aufzuheitern und ich fange an mich zu erwärmen, nach dem ich recht gefroren hatte. Diesen Brief werde ich Morgen in Rustschuck (Russe) durch einen Offizier zurück expedieren, den ich eigens als Kurier mitgenommen habe. Die Nacht habe ich mittelmäßig geschlafen und kam um 5 Uhr Früh nach Bazias, wo ich von allen Generälen des Peterwardeiner Militär Bezirkes, noch einigen Offizieren und Deputationen empfangen wurde und mich gleich aufs Dampfschiff Rudolph begab, wo ich den serbischen Regenten Blasnovac´ mit 3 Offizieren empfing, die mir sehr gut gefielen. Besonders scheint Blasnovac´ ein Mordskerl. Nach kurzem Aufenthalt dampften wir den herrlichen Strom hinab, an den romantischen Ufern vorbei, denen nur die Beleuchtung des schönen Wetters fehlte. Wir sahen ziemlich viele Adler, einige Kuttengeier und viel Wasserwild. Rudolph hätte seine Freude gehabt. Wir mussten 3mal Dampfschiffe wechseln, konnten aber doch ganz zu Wasser fahren und kamen sehr schnell vorwärts. In Orsova hielten wir auch an und wurde ich dort von Offizieren des Romanen-banater Gränz Regiments empfangen. Dann fuhren wir an der türkischen Festung Alt-Orsova ( die Insel Ada Kaleh) vorbei, deren Garnison als einzelner Spalier präsentierend auf den verfallenen Wällen stand, während die verschleierten türkischen Frauen teils am Ufer der Insel standen, teils bei den Schießscharten der Festung herausschauten. Gleich unter Orsova hielten wir an der walachischen Gränze an…Dort war am Ufer ein walachisches Jäger Bataillon mit seiner Musick aufgestellt, die die Volkshymne spielte. Ich sah das Bataillon an, habe aber nie so etwas gesehen. Viele Klafter unter dem Hund. Gar nicht zu beschreiben. Wir fuhren dann an der Stadt Turn Severin vorbei, die ganz neu entstanden ist und hübsche Häuser hat, so wie ein großes Etablissement unserer Donaudampfschiffahrtsgesellschaft. Auch römische Alterthümer sind dort und die Reste einer römischen Brücke über die Donau. So schön die Ufer bis zu unserer Grenze sind, so monoton sind sie seitdem; besonders ist das walachische Ufer flach und kahl, während das serbische wenigstens bewaldet ist. Bald wird übrigens Serbien aufhören und wir kommen über die türkische Grenze. Jetzt scheint schon die Sonne sehr freundlich in meine Kabine was mein Gemüt erheitert. Wir werden Morgen um 9 Uhr Früh in Rustschuck sein, wo der türkische Spektakel losgeht. Bis dahin ist Ruhe, da wir nirgends mehr landen. Morgen Abend schwimme ich im schwarzen Meer und Übermorgen bin ich in Stambul!! Ich glaub e immer zu träumen… Dich, mein Alles, küsse und umarme ich und bleibe, Dein Orientreisender.“ In die Literatur wird dieser Brief nicht eingehen, sprachliche Brillanz fehlt ihm, aber er zeigt uns den Kaiser und König eines 50 Millionen Einwohner zählenden Vielvölkerreiches in schlichter Menschlichkeit. Fast kindlich freut er sich wie ein gewöhnlicher Tourist über seine Orientreise. Lust am Soldatenspielen, die Jagdleidenschaft, der Blick für die Natur und sein Sinn für eine etwas ironische Weltbetrachtung offenbaren sich in diesen Zeilen. Franz Joseph beschreibt eine Donaureise, und ohne es zu wollen, zeichnet er mit jedem Satz ein Selbstporträt. Von Passau bis Orsova floss die Donau durch sein Reich, oder zumindest ein Ufer gehörte zu Österreich oder Ungarn. Gegenüber von Novi Sad repräsentierte, die Donau dominierend, ein Gebirge aus roten Ziegelmauern, Basteien, Schanzen, Batterien, Toren, Gängen, Schiesscharten, und Wachhäusern Habsburgs Macht im Südosten: die Festung Peterwardein, das „Gibraltar an der Donau“. Der Basaltfelsen war seit Urzeiten befestigt. Aber Prinz Eugen regte diesen gigantischen Ausbau nach dem System des grössten Festungsarchitekten seiner Zeit, des Franzosen Vauban, an. Die Abwehrkraft dieses Kolosses wurde jedoch nie ernstlich erprobt. Die Türken sind nicht mehr dazu gekommen, das Bollwerk zu belagern. Seine Abschreckungswirkung hatte genügt. Den kaiserlichen Armeen bot es Rückhalt für die Operationen im Donauraum. Unter Feuer geriet Peterwardein erst im Jahre 1848; die Festung war von rebellierenden Ungarn besetzt und kaisertreue kroatische und serbische Grenzertruppen versuchten sie einzunehmen. Als ein paar Kriege später die NATO 1999 die Donaubrücken bombardierte, bebten auf Peterwardein die Fenster. Nun rollen über die reparierten Brücken Autobusse, mit deren Hilfe Touristenschwärme die Festung mühelos erobern. Und vor Belgrad, wo die Save in die Donau mündet, markiert in Semlin, dem serbischen Zemun, der Turm des ungarischen Millenniumsdenkmals von 1896 die einstige Grenze Österreich-Ungarns. Wer hier Anspruch auf den Strom stellt, muss jedoch auf dem Kalemegdan sitzen, Belgrads Burgberg. Kelten. Römer, Byzantiner, Serben, Ungarn, Türken, Österreicher und Deutsche haben en sich darum gestritten. Kaum eine Festung in Europa wurde öfter erobert. Beim Blick von den Zinnen der Wehrmauern begreift man sofort, warum diese Festung immer wieder Belagerungsheere angezogen hat. Sie hat sich in den Winkel zwischen Donau und Save gezwängt, als Schlüsselpunkt, Pforte, Sperrriegel und Damm für jede Macht, die entweder vom Schwarzen Meer herauf nach Ungarn und Mitteleuropa marschierte oder vom Norden kommend die Beherrschung des Balkans, der Meeresküsten und des Bosporus anstrebte. Darum ist es nicht verwunderlich, dass die meisten Mauern und Festungsanlagen von Türken, Österreichern und ganz früher auch von Ungarn errichtet wurden. Nur der Nebjosa-Turm hat bereits ein glorreicheres serbisches Mittelalter erlebt. Selbst das Karadjordje-Tor nahe dem Glocketurm stammt von den Österreichern. Es heißt nach dem „Schwarzen Georg“, also Karadjordje, der 1806 seine aufständischen Serben durch dieses Tor in die Festung geführt und so die türkische Besatzung überwältigen konnte. Das war die Geburtsstunde des neuen Serbien. Der Aufstand gelang, weil die Türkei im Krieg gegen Russland stand. Und der hünenhafte, analphabetische Schweinezüchter wurde zum ersten serbischen Staatsoberhaupt. Doch sobald die Türken eine Armee gegen Belgrad schicken konnten, floh der Schwarze Georg über die Save nach Österreich. Zwei Jahre später erhoben sich die Serben neuerlich, und an ihrer Spitze stand der Todfeind Karadjordjes, Milos Obrenovic´. Das permanente Ringen dieser beiden Clans um die Macht hat etwas von einem shakespeareschen Königsdrama in balkanischem Kostüm. Milos war wendiger und intelligenter als der raue Karadjordje. Er verhandelte mit den Türken und bekämpfte sie zugleich. Serbien erhielt eine Autonomie und der Sultan anerkannte 1833 Milos als erblichen Fürsten. Den Schwarzen Georg hatte er vorsorglich nach dessen Rückkehr 1817 ermorden und seinen abgeschlagenen Kopf nach Konstantinopel senden lassen. Damit waren alle künftigen Anwärter auf den serbischen Thron gewarnt, welch riskantes Amt sie anstrebten. Zwischen 18o4 und 1941 sind von insgesamt zehn serbischen Regenten, Fürsten oder Königen vier ermordet und vier gewaltsam abgesetzt worden. Der letzte Obrenovic´, Alexander I., starb unter den Pistolenkugeln und Säbelhieben einer entfesselten Offiziersclique, die 1903 den Belgrader Konak gestürmt hatte, um dem König und seiner allseits verhasste Gemahlin Draga ein schreckliches Ende zu bereiten. In Serbien waren mit Peter I. fortan die Karadjordjevics am Ruder. Im neuen südslawischem Staat wurde Peter 1918 König der Serben, Kroaten und Slowenen. Sein Titel verheißt bereits die Nationalitätenkonflikte, die das neugeborene Jugoslawien schließlich bis zu seinem Zerfall erschütten sollten. Peters Sohn, König Alexander II., wurde 1934 in Marseille von kroatischen Ustascha-Leuten erschossen. Dessen Nachfolger Peter II. war als 1941 abgesetzter König ohne Land und ohne Volk 1970 ein friedlicher Tod im britischen Exil vergönnt. Eines haben die Serben den anderen Donauvölkern am Balkan jedoch voraus. Ihre Herrscher waren Eigenbau, Serben durch und durch. Rumänen und Bulgaren mussten ihre Dynastien aus Deutschland importieren. Und der letzte 1458 mit der Stefanskrone gekrönte Ungar war Matthias I. Corvinus. Nach dem Schlachtentod des jungen Jagellonenkönigs Ludwig I. 1526 bei Mohacs trugen sie die Habsburger – von Ferdinand I. bis zum Ende der Doppelmonarchie unter Karl IV. Der Donauraum hat seitdem gewaltige Kräfteverschiebungen erfahren. Imperien zerbarsten und neue stellten ihre Erb- und Besitzansprüche. Das Vakuum, das durch das Ende des Habsburger-Vielvölkerreiches entstand, konnten die jungen Nationalstaaten nicht auffüllen. Zuerst war es Hitler, der die Donau in seinem „Neuen Europa“ von der Quelle bis zu ihrer Mündung direkt oder mit Hilfe der vom Großdeutschen Reich abhängigen Klientellstaaten kontrollieren wollte. Nach dem Zweiten Weltkrieg aber färbte die Sowjetunion die Donau rot ein. Sie sicherte sich einen Mündungsarm und die Grenze seines Befehlsbereiches versetzte Stalin bis zum Stromkilometer 1890 zwischen Hainburg und Devin, wo die March in die Donau fließt. Die Implosion des Sowjetblocks hat die politische Geographie noch einmal gründlich verändert. Europa hat die Donau wieder, voll und ganz. Und wenn Kroatien einmal bei der EU ist, dann sind auch die meisten Kronländer Franz Josephs wieder unter einem Dach. Habsburgisch war dort nahe der Donau in der Baranja ein riesiges Gebiet bis ins Draudelta, einem naturgeschützten Paradies. Ursprünglich hatte Prinz Eugen diese gewaltigen Ländereien vom Kaiser als Lohn für seinen ersten grossen Türkensieg 1697 in der Schlacht bei Zenta erhalten. Nach seinem Tode fielen sie an die Krone zurück und Maria Theresia schenkte sie den „Pressburgern“ Albert und Marie Christine. Und deren Erbe kam schließlich an Erzherzog Friedrich. Dessen Verwalter amtierten in Eugens Schlössern in Bilje und Knezevo. Und an Friedrichs Jagschloss im Semmeringstil hatte der leidenschaftliche Jäger Marschall Tito ein luxuriöses, modernes Urlaubsdomizil anbauen lassen. Der Gutsbetrieb aber wurde zu einem erfolgreichen Landwirtschaftskombinat, das in sein Emblem „1697“, das Jahr der Schlacht von Zenta, aufgenommen hat. Heute liegt der ursprüngliche Besitz Eugens und der Habsburger in drei Ländern –Ungarn, Kroatien und Serbien. Und während des hoffentlich letzen Balkankrieges war hier Front. Durch die Aufnahme Rumäniens und Bulgariens in die Europäische Union reicht die Autorität Brüssels bis ins Donaudelta, bis Sulina und zum Schwarzen Meer. Kronen sind an einer völlig demokratisierten Donau jedoch nicht mehr Mode, Könige wurden zum Gegenstand nostalgischer Erinnerungen. Die Ungarn haben Otto von Habsburg den Sohn ihres letzten Königs, nach der Wende freundlich begrüßt. Doch die Politiker, die heute an der Donau den Ton angeben, sind entweder demokratisierte Ex-Kommunisten oder gut bürgerlich. Und der als Kind aus seinem Land vertriebene Zar Simeon von Bulgarien stellte sich vor ein paar Jahren als Simeon Sakskoburggotski den Wählern, wurde Regierungschef, verlor aber die nächste Wahl und hat seine Partei nun unter einem sozialistischen Premier in eine grosse Koalition eingebracht. Auch Ex-König Michael von Rumänien ist als privater Besucher in Bukarests mit Jubel begrüßt worden. Doch wenn er heute anreist, dann nimmt er ein Flugzeug und kaum ein Donauschiff wie Kaiser Franz Joseph oder einst sein Vorfahre Prinz Karl von Hohenzollern-Sigmaringen. Der künftige König Carol I. war 1866 mit einem DDSGDampfer in Turnu Severin angekommen. Dort legen heute dann und wann internationale Kreuzfahrtschiffe an und senden ihre Gäste auf die Spuren der Völker und Könige am Strom - und im Strom der Geschichte…
Wien, März 2007
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